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Tante Nera

Nera nach der Rückkehr aus Italien

Als sie nach der Befreiung ihres Ortes Vodice aus Santa Cesarea zurückkam, wollte Nera, die bei der Rückkehr gehört hatte, dass ihr Bruder Branko (oben auf dem Bild gemeinsam mit ihr) ebenfalls im Krieg gefallen sei, weiter die Schule besuchen. Doch die Organisation der Jungkommunisten hatte entschieden, dass sie ab sofort als Lehrerin für 100 Kinder im Ort Tribunj eingesetzt werden sollte - darunter viele, die älter waren als das 18-jährige Mädchen selbst. Hier sehen wir sie bei der Sportstunde in der Schule.

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Meine Mutter, die - genauso wie Nera - in ihrem Leben ebenfalls nur einige Schulklassen besucht hat, denn 4 Kriegsjahre waren fast ganz ohne Schule vergangen, war sehr stolz auf ihre Cousine, die jetzt bei ihnen wohnte. Nera war allein auf der Welt, den kleinen Bino hatten kinderlose Verwandte seiner Mutter mit nach Split genommen, was damals weiter entfernt lag als heute Amerika. Und sie wohnte ab jetzt bei meiner Großmutter Oliva, die aus dem Lager zurückgekommen war, jedoch schwer krank und depressiv, so dass sie nur noch im Bett lag. Die Urgroßmutter Luidja kümmerte sich um alle.

Nera ging den ganzen Weg zur Schule barfuß, um ihre Schuhe zu schonen, und erst vor der Schule zog sie sie an, denn sie glaubte, dass eine Lehrerin keine Autorität mehr haben würde, wenn sie ohne Schuhe in die Schule käme, selbst wenn ihre Schüler manchmal in Damenschuhen mit abgetrennten Absätzen erschienen, wie jener Onkel von mir...

Santa Cesarea

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Hier, in Santa Cesarea, war meine Tante Nera, hier hat sie in der Abfertigung der Flüchtlingsgruppen, die nach Afrika ins Lager El Shatt verbracht wurden, gearbeitet.

In dieser Gruppe sehen wir sie in Santa Cesarea im Jahr 1944 mit ihrem kleinen Bruder Bino auf dem Schoß (mit dem Jungen, der drei Namen und keine Eltern mehr hatte). Hier in Santa Cesarea hat Nera vom Tod ihres Vaters Benjamin Udovicic erfahren, der auf einer kroatischen Insel ums Leben kam - die britischen Flieger hielten ihn und seine Partisaneneinheit für Deutsche, weil sie Teile der erbeuteten deutschen Uniformen trugen.

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Der Roman Oliva

Es soll ein Roman werden, der folgende Ebenen beinhaltet:
• oral history, die Erinnerungen meiner älteren und jüngeren Verwandten und Bekannten, die ich in Dalmatien zusammen getragen habe, um die Geschichte meiner Familie mütterlicherseits zu rekonstruieren
• meine Überlegungen über diese Erinnerungen
• meine Reiseeindrücke zu diesen touristisch extrem belasteten Regionen (Dalmatien, Apulien)
• Geschichten, die sich mir nach der Lektüre bestimmter historischer Werke erschlossen haben, wie eben diese Geschichte über das getötete Kind, die ich sowohl in einem ziemlich schrecklich geschriebenen Erinnerungsbuch eines Partisanenkommandanten gelesen wie auch von meiner Tante Nera gehört habe.

Wie verbindet man diese Ebenen in einem Roman? Diese Frage stelle ich mir andauernd und probiere jede Woche ein anderes Szenario aus. Einmal soll es ein Erlebnisbericht werden wie die Beschreibung der Kreuzfahrt durch die Karibik von David Foster Wallace (das betrifft natürlich vor allem die Tourismuskritik), ein anderes Mal möchte ich einen spannenden Aktionsroman rund um die große Liebe zwischen meinen Großeltern schreiben (dieses wäre weitgehend gelogen, aber romatisch), dann wieder soll es die Biographie meiner schönen Tante Nera werden. Auf diesem Foto, das ich im Sommer aufgenommen habe, ist sie besonders schön, finde ich.

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Alkohol in Dalmatien

Überhaupt ist die Sitte des Schnapstrinkens zum Kaffee bei jedem Besuch etwas, was ich immer unreflektiert hingenommen habe, doch jetzt versuche ich, darüber nachzudenken: Meine Tante hat immer ein Gläschen angeboten, zum Kaffee oder als Aperitif, und wie alle meine Verwandten hat sie immer zum Essen ein halbes Glas Rotwein getrunken. Das tut auch meine Mutter, die jedoch weniger organisiert ist, was das Servieren von Essen und Getränken betrifft. Sie essen alle wenig, trinken wenig, vom Kuchen, den Tante Nera liebevoll für uns gebacken hat, essen sie ein Stückchen, sie nippen an ihren Mokka-Tassen und rauchen dabei Zigaretten. Zu Hause, in Deutschland, käme ich nie auf die Idee, zum Kaffe einen Kirschlikör, einen Kräuterschnaps oder einen „Prošek“ zu trinken (der Name kommt sicher von Prosecco, aber es handelt sich um eine Art Sherry und nicht um einen prickelnden Weißwein). Hier nehme ich immer ein Glas.

Kirschlikör

Meine Tante Nera ist 80, und da ihr rüstiger Ehemann, der mit seinen 87 Jahren immer noch einen kräftigen Händedruck und eine sehr laute Stimme hat, niemanden zu Wort kommen lässt, hat sie mir beim Abschied gesagt, ich solle morgen kommen, wir könnten uns dann alleine unterhalten. Sie hat den Tisch nach ihrer alten Manier gedeckt: mit weißen Servietten aus dünnem Papier, die sie als Dreiecke gefaltet auf die Teller legt, mit feinen Porzellantassen, gefüllt mit dickflüssigem, aromatisch dampfendem Mokka („türkischem“ Kaffee) und mit kleinen Gläschen für einen Schnaps (dieses Mal ist es ein hausgemachter Kirschlikör, der phantastisch schmeckt).
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