Die zweite Reise

In Zagreb

Draußen erwartet mich Zagreb, merkwürdig still und wie eingeschlafen in der Mittagshitze. Die obere Stadt, „Gornji grad“, hat etwas Unwirkliches, mit all ihren schmalen Gassen, den vornehmen alten Häusern und verwunschenen Gärten... Mich hat es immer nach Rom, nach London, nach Berlin gezogen – aber kamen nicht ausgerechnet aus Italien die ersten Faschisten, die das Leben meiner Familie so grausam verändert und teilweise vernichtet haben, ist mein Großonkel Benjamin nicht durch britische Bomben gestorben, da die sorglosen Piloten ihn und seine Partisanen für Deutsche hielten, waren es nicht die Deutschen, die meine Großmutter ins KZ nach Belgrad gebracht haben und vor denen meine Tanten bis in die ägyptische Wüste fliehen mussten?

Die Organisation des Alltags in El Shatt

Die dalmatinische Bevölkerung kam damals aus Angst vor den vorstoßenden deutschen Truppen bis nach El Shatt, jene Truppen, die nach der Kapitulation Italiens im September 1943 Dalmatien eingenommen hatten. Es waren vor allem Familienangehörige von Partisanenkämpfern aus Dalmatien und Zivilisten, die unter den Italienern gelitten hatten. Erste Zuflucht fanden sie auf den Inseln, vor allem auf der entferntesten Insel Vis, auf der auch die Führung des Partisanenkampfes residierte. Mit Hilfe der britischen Verbündeten wurden sie dann mit Schiffen nach Bari und dann weiter nach Ägypten verbracht – 39.000 Menschen waren auf der Flucht, bis nach Ägypten kamen ungefähr 28.000. Tagsüber war die Temperatur in der Wüste um 40° C, aber nachts fiel sie auf 5° C, was den Zeltbewohnern schwer zu Schaffen machte. Die Verpfelgung bestand aus Dosenkost, die die Allierten und die UNRRA schickten, aus selbst gebackenem Brot und aus etwas Obst, doch das größte Problem war das Wasser, das von einem Ärmel der Nils herbeigeschafft wurde. Viele Menschen, vor allem viele Kinder, starben.

Die Verwaltung des Flüchtlingslagers bemühte sich sehr, den britischen Oberverwaltern zu beweisen, dass die kommunistische Partei, die die Führung der Befreiungsbewegung in Jugoslawien übernommen hatte, im Stande war, einen Staat zu leiten. Das Flüchtlingslager in El Shatt sollte das im Kleinen demonstrieren, was dann im Großen nach der Befreiung von den Deutschen im Land selbst umgesetzt werden sollte. Es wurden Kindergärten und Schulen eingerichtet, Kurse für die Alphabetisierung der Landbevölkerung (vor allem viele Frauen konnten nicht Lesen und Schreiben), sowie Fremdsprachenkurse. Der bekannte Komponist Josip Hatze leitete einen großen Chor, es wurde Ballett geprobt, es gab Theater- und Sportgruppen, die fleißig übten und trainierten. Interessant ist auch, dass das religiöse Leben bestens organisiert war – die Kommunisten hatten noch nicht begonnen, die Religionen zu verfolgen. Mehrere katholische Priester, ein orthodoxer Priester und ein Rabbi kümmerten sich um die Gläubigen.

Schilder in der Ambualnte:
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Einleitung zum Kochen
Prirucnik-za-kuhanje-i-bestek

Wandzeitung:
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Pioniere in El Shatt:
Pioniri-u-El-Shattu

Gottesdienst in El Shatt
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Die Exponate

Über 900 Exponate hat die Autorin der Ausstellung und des Katalogs, Nataša Mataušić, in drei Einheiten zusammengefasst: die Entstehung des Flüchtlingslagers, die Organisation des Lebens im Flüchtlingslager und die Rückkehr in die Heimat. In einem der Räume laufen die britischen Filme The nine hundred und The Star and the Sand aus dem Jahr 1944, sowie der Dokumentarfilm Die Flucht 1943 – 1946 von Aleksandar F. Stasenko aus dem Jahr 1980. Fotos, Wandzeitungen, Schulhefte, Bilder und vor allem Gegenstände, die die fleißigen Hände der Flüchtlinge in vielen Werkstätten gefertigt haben – aus Seilen und Zeltstoff, aus alten Blechdosen oder aus Holzkisten.

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Aus diesen "Materialien" wurde unter anderem auch Spielzeug in den Werkstätten von El Shatt ausgearbeitet:

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El Shatt 2

Das Museum ist noch geschlossen, deshalb suchen wir ein Café in der Nähe und ich erzähle ihm, warum ich diese Ausstellung unbedingt sehen muss. In der Sinai-Wüste waren damals, zwischen 1944 und 1946, auch meine Tanten und ein Urgroßvater interniert, meine Mutter war in letzter Minute aus dem Boot geflohen, das sie zunächst auf die Insel Murter, dann auf die Insel Vis und dann in den italienischen Hafen Bari hätte bringen sollen. Von dort aus ging die Reise an das vorläufige Ende der Welt: die Ortschaft Santa Maria di Leuca, von wo aus die britischen Schiffe die kroatischen Flüchtlinge in die Wüste brachten. Die Zelte waren in El Shatt und El Khataba in Ägypten aufgebaut. Mehr als 28.000 Zivilisten vom kroatischen Küstenstreifen waren dort interniert – ich frage mich, misstrauisch wie ich bin, ob es sich dabei eventuell auch um einen Schachzug handelte, dieses Mal einen britischen. Die Briten wussten noch nicht, ob sie das Königreich Jugoslawien unter Führung des serbischen Königs Petar II. Karađorđević oder das sozialistische Jugoslawien unter der Führung des kroatischen Kommunisten Tito unterstützen sollten – wobei Tito wahrscheinlich der größere „Jugoslawe“ von beiden war.

El Shatt

Heute fliege ich ganz früh nach Zagreb. Im Flugzeug ist es sehr kalt, die Klimaanlage produziert einen eisigen Nebel im blitzsauberen Innenraum. Der Flug ist kurz, an dem vertrauten kleinen Flughafen von Zagreb wartet ein Freund, der mich zum Historischen Museum in der oberen Altstadt fahren wird. Aus der Ferne erblicken wir die Fassade des Museums mit einer riesigen sandfarbenen Fahne - mit einem roten Stern und mit weißen Buchstaben darunter: El Shatt.

Krafne und Mokka

Auch am nächsten Tag steht schon ab 10 Uhr die gnadenlose Sonne wie eine riesige Goldmünze im wolkenlosen Himmel. Um 9 Uhr bin ich schwimmen gegangen, und jetzt schleppe ich mich langsam an den Häuserwänden der engen Straße entlang, die zur Wohnung meiner Eltern führt. Unterwegs kaufe ich die berühmten Berliner („krafne“ – vielleicht sieht die Sonne einer dieser „krafne“ ähnlich?), die man hier zum Frühstück isst – ich habe keine Ahnung, wie diese Tradition entstanden ist. Meine Mutter wartet schon mit einem duftenden Mokka auf mich, den sie in einem roten Emailletöpfchen gekocht hat. Wir setzen uns auf ihre Loggia, schlürfen dne Mokka und essen die Berliner, gut gelaunt, allerdings schon jetzt über den Tag seufzend, der wieder heiß zu werden verspricht. Doch viel mehr als die Hitze beschäftigt uns der kroatische Alltag - ein gern besprochenes Thema beim Kaffeetrinken.

Meine Mutter schimpft ganz pauschal über alle Politiker, eine Gewohnheit, die in diesen Gegenden so normal ist wie die Gespräche über das Wetter in Großbritannien. Ich versuche, ihr etwas Kritik gegenüber Tito zu entlocken.
- Ja, ja, er ist schon seit langer Zeit tot, aber in Bosnien wird er verehrt, das verstehe ich überhaupt nicht, sage ich und nippe an meinem durchaus bosnisch anmutenden Mokka.
- Kein Wunder, sagt meine Mutter, es ging den Menschen ja besser damals, ihre Politiker heute sind die gleichen Taugenichtse wie bei uns.
- Meinst Du nicht, dass Tito eine viel problematischere Gestalt ist als die Politiker heute, über die du so schimpfst, und die sich so ungeschickt um etwas bemühen, was ihnen wie Demokratie vorkommt?
Sie versteht mich nicht, zündet sich eine Zigarette und sieht mich misstrauisch an.
- Von wegen Demokratie, sagt sie schließlich resolut. Das ist nur eine Ausrede. Deine Urgroßmutter hat an Tito geglaubt, sie hat ihm eigenhändig eine Flasche „Travarica“ geschenkt und ihn als großen Sohn des Volkes gelobt - bei einem Mittagessen in Split. Sie ist dort in ihrer schwarz-weiß-gelben Tracht aus Vodice erschienen, als Mutter eines gefallenen Kriegshelden.
- Mama, wieso verstehst Du nicht, dass das eine Manipulation mit den Müttern der Gefallenen war?
- Ich verstehe alles. Mit den kleinen Leuten wird immer herummanipuliert. Aber deine Urgroßmutter war eine große Frau. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als an die Ziele der Revolution zu glauben. Sonst wären ja alle Opfer umsonst gewesen, damit hätte sie nicht leben können.
Nun verstehe ich sie nicht, und wir essen schweigend unsere Berliner weiter.

Immer noch über die Zeitungen

Eigentlich wollte ich in der Bibliothek nach Zeitungen aus dem Zweiten Weltkrieg und aus der Zeit nach 1945 suchen. Doch das vertage ich auf morgen. Die heutigen Zeitungen würden jeden entmutigen, der sich daraus irgendeine Erkenntnis verspricht. Außer der soziologischen Feststellung, dass es offensichtlich Menschen in Kroatien gibt, die diesen Schrott lesen, ergibt sich daraus nichts Verwendbares. Ober besser gesagt - alles ist verwendbar für einen Roman im Stil von Gerald’s Party von Robert Coover. Ich möchte aber einen Roman schreiben, in dem die Würde der schwer arbeitenden Frauen aus meiner Familie, die im Zweiten Weltkrieg zu Opfern wurden, gewahrt bleibt. Obwohl mir der ziemlich verrückte Coover sehr gut gefällt, ist es mir doch unmöglich ihn nachzuahmen.

Die neue Öffentlichkeit

Es ist heiß, und eine grindige Katze mit glanzlosem Fell versteckt sich unter dem grauen Müllcontainer aus dem es nicht einmal stinkt, so erglüht ist alles. Alle guten Absichten, die ich bezüglich meiner Recherchen in der örtlichen Bibliothek hatte, haben sich in dieser zitternden Glut aufgelöst. Die Bibliothek ist alt, es wird dort keine Klimaanlage geben. Ich bleibe auf der Terrasse sitzen und blättere in der Zeitung.

Die kroatischen Zeitungen bringen durchweg Katastrophen aus dem Familienleben der lokalen Bevölkerung (Mord und Totschlag), Skandale aus dem Leben bekannter Popsängerinnen (sie lassen sich gerne in Pornovideos aufnehmen, oder sie werden von ihren Liebhabern geschlagen, worüber dann beide mit den Journalisten plaudern) und riesige Fotos der jüngsten Verkehrsunfälle. Die Nachrichten aus der Welt werden auf Kuriositäten reduziert (ein Mann in Indien mit 6 Fingern, der von seiner Frau verlassen wurde, oder ein Hund in den USA mit transplantierter Niere, der sich im Tierhospital mit einem kleinen Löwen angefreundet hat. Dem kleinen Löwen wurde eine Zahnfüllung verpasst – er hatte Karies, da er sich von Süßigkeiten ernährt hat), die Innenpolitik ist ein einziger Skandal, die Vermengung der Aktivitäten der Mafia und der „angesehenen“ Geschäftsleute und Politker ist enorm, die anständigen Menschen schweigen. Das Papier der Zeitungen ist schlecht und hinterlässt schwarze Farbe auf den verschwitzten Fingern.

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