[>>]

Die fünfte Reise - Mineri

Abschied von Vodice

Pogled-prema-Kornatima

Ich verabschiede mich von Vodice. Ich habe noch einmal hier Geschichten gesammelt, viele aufgeschrieben, andere vergessen. Sie fließen alle in eine Geschichte ein.

Im unglaublichen touristischen Trubel dieses Ortes bleiben erschreckend wenige vor dem Denkmal in Form eines Eises stehen, um die Namen der Gefallenen zu lesen, darunter auch die meiner Verwandten.

Die-Namen-der-Gefallenen-in-Vodice

In der glühenden Hitze sitze ich neben dem Denkmal und versuche ihre Geschichte einfach zu spüren. Die Wüste in El Shatt, die Dürre auf Molat, die Hitze auf dem Feld des Ziegelwerks in Belgrad, auf dem meine Großmutter Oliva als Zwangsarbeiterin eingesetzt war – alle Szenen aus der Geschichte meiner Familie mütterlicherseits scheinen in einem gleißenden Licht zu stehen, in einer verstaubten, vertrockneten Umgebung, nur die Körper sind von klebrigem Schweiß überzogen. Dieser dickflüssige, gelatineartige Schweiß und diese erbarmungslose Hitze sind jene Wahrnehmungen, die mich seit Jahren verfolgen und sich in meinem Kopf in Worte formen wollen, so wie andere den Duft ihrer Truhen mit der Leinenwäsche, ihrer Bibliotheken oder ihrer großstädtischen Kinderzimmer in sich tragen. Glitzernd, goldgelb und dickflüssig ist auch der heilige Saft der Oliven, jene Flüssigkeit, mit der das Leben am Mittelmeer beginnt und endet.

Ich-in-Vodice

Die Kapern

Kapern

Eine der Inseln in diesem Archipel heißt Kaprije - weil an ihren Mauern besonders viele Kapern wachsen. Die Touristen, die diese Kapern auf ihren Pizze vorfinden, wissen meist nicht, dass diese Pflanzen würzige kleine Früchte tragen, und betrachten sie vielleicht als Unkraut, das aus den Mauern hervorsprießt.

Die Frauen

Babe-na-klupi-pod-cvijecem

Es gab Tage, an denen meine Großmutter Oliva, die sonst immer depressiv im Haus lag, abends einen Stuhl auf die Straße vor dem Haus stellte, so wie es Brauch in dieser Gegend war, denn vor jedem Haus saßen damals abends die Bewohner auf der Straße und unterhielten sich, kommentierten die Vorbeigehenden und verwickelten sich mit ihnen in lebhafte Gespräche. Die Frauen zeigten dabei demonstrativ, dass sie gut erzogen sind, indem sie nicht einfach müßig herumsaßen, sondern auch im Sitzen arbeiteten. Sie strickten oder stickten, aber vor allem häkelten sie Tischdecken, Deckchen, Gardinen und Bettüberwürfe, während die Männer in solchen Straßenrunden meist an einen Gehstock gelehnt ihre wohl verdiente Ruhe genossen, denn es war irgendwie klar, dass die Männer es immer schwerer haben, ihre Erziehung verlangte nicht nach einer wie auch immer gearteten Demonstration des Fleißes. Meine Großmutter lag den ganzen Tag auf ihrer Ottomane, und deshalb häkelte sie schneller und andächtiger als ihre Nachbarinnen, so dass jede ihrer drei Töchter, ihre Nichte Bianka, sowie alle fünf Enkelinnen eine Ausstattung aus gehäkelten Schätzen bekamen, mit der sie ein Schloss hätten schmücken können, während diese preziösen Handarbeiten in ihren Wohnungen eher grotesk anmuteten. Langsam verschwanden sie in den Truhen und Schränken. Auch ich habe Tonnen von dieser Garnware bekommen, die ich bei vielen Umzügen immer brav eingepackt habe, und auch heute weiß ich nicht so recht, was ich damit anstellen soll.

Die Damen, die ich in diesem Sommer auf der Insel Prvić fotografiert habe, scheinen die Klagen ihrer Töchter und Enkelinnen ernst zu nehmen, so dass sie nicht mehr häkeln, was ihre Abende sicher etwas langweiliger macht.

Die Insel der Tüftler und Bastler

Die Fischer zeigten enorme Geschicklichkeit bei der Entschärfung der Minen und beim Zusammenbasteln eigener Sprengstoffkonstruktionen. Die Italiener waren sehr verärgert, sie legten immer neue Minen im Wasser aus, und die Fischer, die hier in der Gegend auf ihrem Terrain waren, fischten sie wieder heraus. Sie bewegten sich flink mit einem Bootstyp namens "gajeta", in dem man im Stehen ruderte und der ein ganz typisches Segel hatte, so wie diese, die wir im Sommer unweit von Vodice gesehen haben:

Starinska-jedrilica

Die Boote wurden in kaum 10 Minuten versenkt und auf diese Weise versteckt, und in 15 Minuten waren sie wieder startbereit. Die Minen wurden von den Italienern gelegt, um zu verhindern, dass die Schiffe der Alliierten an die Küste gelangen konnten, so war die Arbeit der "mineri" von doppelter Bedeutung - man fügte dem Feind Schäden zu und versorgte sich selbst mit Sprengstoff.

Da die Inseln keinen Autoverkehr haben und die Straßen sehr eng sind, habe ich dort viele kleine selbstgebastelte Trecker gesehen:

Die-selbstgebastelten-Traecker


Interessant ist, dass auf der Insel Prvić ein großer kroatischer Philosoph, Humanist, Lexikograph und Erfinder aus dem 16. Jahrhundert, Faust Vrančić, der in Šibenik geboren wurde, sein Sommerhaus hatte. Auf eigenen Wunsch wurde er auf der Insel Prvić begraben. Dieser geniale Mann hat unter anderem einen Fallschirm konstruiert, mit dem er am Anfang des 17. Jahrhunderts zur Probe von einem Turm in Venedig gesprungen ist. Ihm zu Ehren gibt es auf der Insel ein kleines Museum, vor dem ein Modell seines Fallschirms aufgebaut ist:

Padobranac-Fausta-Vrancica

Der Eingang in das Sommerhaus:

Ljetnikovac-Fausta-Vrancica

Eine Begegnung vor dem Denkmal

Partizanski-spomenik-u-Prvicu

Imena-poginulih-iz-Prvica

Während wir die Namen der Gefallenen lasen, kam ein Mann auf uns zu. Meine Cousine und ich grüßten, und er fragte uns sogleich, ob wir uns für die Geschichte der "Mineri" interessierten und für die anderen Gefallenen von dieser Insel. Wir bejahten und er wurde lebhaft, er zeigte uns auf dem Denkmal die Namen zweier Brüder, die gemeinsam umgekommen waren, ihr Vater kurz nach ihnen, er erzählte uns von der Jugend der Insel, die damals dem Ruf gefolgt war, gegen die Italiener zu kämpfen, sowie über die Rachezüge der Italiener.

Ich sagte ihm: "Das ist hier aber alles sehr schön und gut erhalten, es gibt auch viele Orte in Kroatien, wo heute solche Denkmäler nicht mehr gerne gesehen werden" - denn die fehlende objektive Historiographie hat m. E. in Kroatien, genauso wie in allen anderen Ländern des ehemaligen Jugoslawien, zu einer totalen Verwirrung geführt. Einerseits ist es völlig klar, dass die kommunistischen Historiker die Geschichte nach ihren eigenen ideologischen Richtlinien geschrieben haben, so dass man ihre Behauptungen auf den Prüfstand stellen muss, andererseits ist es unumstritten, dass die Kommunisten mit Tito an der Spitze sich als Anführer des gesamten Widerstands im 2. Weltkrieg durchgesetzt haben (denn es gab auch viele Widerstandskämpfer, die keine Kommunisten waren, sondern Anhänger anderer Parteien oder auch Parteilose). So haben in der jüngsten Geschichte viele Menschen das Verschwinden einer undemokratischen und ideologischen Struktur derart gefeiert, dass sie diese verteufelt haben, womit sie sich manchmal scheinbar und manchmal bewusst auf die andere Seite schlugen, die aber von der Kollaboration und vom Faschismus geprägt ist. Viele andere schweigen lieber, denn es ist unpopulär, die Kommunisten zu loben - mit ihnen ist nicht nur der Widerstand im 2. Weltkrieg, sondern auch die Verfolgung der Andersdenkenden in den Jahren nach dem Krieg verbunden.

Auch hier ist freilich Vorsicht vor voreiligen Schlüssen geboten, denn nicht jeder Antikommunismus ist sofort mit Faschismus gleichzusetzen - was im demokratischen Westeuropa selbstverständlich ist, ist hier im Süden noch immer von schärfsten Konfrontationen gekennzeichnet, die vor allem von Emotionen, Ressentiments und Vorurteilen geprägt sind. Eine komplexe Situation, gewiss, die aber nüchterne und um Objektivität bemühte Wissenschaftler und nicht erfolgsorientierte Politiker und Journalisten braucht, damit eine Klärung herbeigeführt werden kann. Es würde auch einer europäischen Solidarität bedürfen, die die antifaschistische Vergangenheit Kroatiens besser erkennen und anerkennen müsste, um die Verunsicherung gegenüber der eigenen Vergangenheit, die im Land herrscht, zu verringern.

Auf jeden Fall antwortete mir der freundliche Mann mit gesenkter Stimme: "Es gibt auch hier vereinzelt Jugendliche, die das hier im Namen Kroatiens nicht gerne sehen, aber sie sind dumm, denn es hätte kein Kroatien gegeben, wenn diese Männer und Frauen damals nicht gegen Italiener und Deutsche gekämpft hätten." Womit er vermutlich Recht hat...

Mineri

Die ersten beiden Bilder im Beitrag "Zwei Ufer, ein Meer - kann man die Ufer hier erkennen?" zeigen die Insel Prvić, die Vodice gegenüber liegt. Angeblich war es ein beliebter Zeitvertreib für die Jugendlichen von Vodice, nach Prvić zu schwimmen, und umgekehrt, für jene von der Insel ans Festland. Da viele Männer vor dem 2. Weltkrieg in Australien und Amerika waren - ähnlich wie damals in Lukanien, wo Carlo Levi beobachtet hat, dass in allen Bauernhäusern je ein Bild von der Madonna und von Roosevelt hing - und nach dem 2. Weltkrieg tot waren, ruderten die Frauen von Prvić nach Vodice, um dort ihre Felder zu bearbeiten. Außer von ein wenig Ackerbau haben die Bewohner vor allem vom Fischfang gelebt. Die Insel gehört zu einer Gruppe, die zwischen Šibenik und Vodice liegt und die sich an die berühmte Inselgruppe der Kornati anschließt. Im 2. Weltkrieg legten die Italiener Minen um die Inseln - und die Partisanen organisierten die Fischer, um diese Minen zu bergen. Der Sprengstoff, der so gewonnen wurde, wurde dann ans Festland gebracht und von dort aus überallhin ins Landesinnere - bis nach Bosnien. Daraus bauten die berühmten jugoslawischen Diversanten ihre Minen, die sie auf die Eisenbahnschienen legten, um deutsche Transporte zu verhindern. Man nannte sie "Mineri" und sobald man auf Prvić - einer wunderschönen Insel - ankommt, sieht man ein Denkmal, das für sie errichtet wurde.

Spomen-ploca-sa-zvijezdom

User Status

Du bist nicht angemeldet.

BesucherInnen (seit 11.08.2008)

Aktuelle Beiträge

So ist wunderschön...
So ist wunderschön geschrieben! Obwohl deutsch...
V. Julia V. (Gast) - 23. Sep, 23:25
Abschied von Vodice
Ich verabschiede mich von Vodice. Ich habe noch einmal...
Fabion - 12. Sep, 19:04
Oliva
Ich habe dieses Foto des heiligen Baums in Matera...
Fabion - 12. Sep, 18:57
Die Kapern
Eine der Inseln in diesem Archipel heißt Kaprije...
Fabion - 12. Sep, 18:43
Die Frauen
Es gab Tage, an denen meine Großmutter Oliva,...
Fabion - 12. Sep, 18:39

Meine Abonnements

Suche

 

Status

Online seit 540 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 25. Sep, 21:46

Credits

Knallgrau New Media Solutions - Web Agentur für neue Medien

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page
xml version of this topic

twoday.net AGB