Die erste Reise

Dalmatien ist schön

Eine Freundin hat meine Fotos gesehen und geschrieben: "Mein Gott, wie schön doch Dalmatien ist!" Ich frage mich heute, ob Elvira, Oliva, Luidja oder Nera damals diese Schönheit wahrnehmen konnten? Oder ob die Angst immer größer war als jede Schönheit? Der Hunger, das Leiden, die Trauer? Und waren sie nicht alle überzeugte Kämpferinnen für Freiheit und Gerechtigkeit, die keine Zeit für so etwas wie Atmosphäre an einem warmen Sommerabend aufbringen konnten? Und waren für sie die Fischerboote nicht mit dem Gefühl von tiefstem Elend verbunden?

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Der Waisenjunge

Ich könnte den Roman auch so anfangen:

Das Zimmer, in dem ich dem Mann mit den vielen Namen zum ersten Mal begegnet bin, war dunkel, geräumig, gefüllt mit polierten braunen Möbeln, nicht ohne Alterspatina, die auf mich wie die kostbarsten Antiquitäten wirkten und dabei wahrscheinlich nur eine relativ einfache handwerkliche Anfertigung für die bescheidene dalmatinische bürgerliche Schicht waren.

Die späteren industriellen Möbel, die als Revolution betrachtet wurden (damals war alles eine Revolution), haben wir erst später als hässlich empfunden. Am Anfang, als die ersten Wandregale aus Sperrholz, die sowohl „naturfarben“ wie auch bunt sein konnten, Einzug in die kleinen 2- und 3-Zimmer Wohnungen der sozialistischen Bauweise hielten, fanden wir alle sie toll, obwohl wir doch – das denke ich jetzt im Nachhinein – gespürt haben, dass man uns hier einen billigen Massenersatz anbot.

Die Bürger unterschieden sich damals im Split der frühen 60er von den geradezu absolut dominierenden Proletariern und Bauern dadurch, dass sie morgens in einem der beiden Stadtcafés ausgiebig ihren Kaffee tranken und dabei Zeitungen lasen. Sie trugen auch Hüte und weiße Anzüge – weiße Anzüge sieht man heute kaum noch, außer in den Filmen über die italienischen Mafiosi, die dann darunter schwarze Hemden tragen.

Diese Umkehrung der Farben entbehrt nicht jeder Eleganz, und doch wirkt sie geschmacklos, weil sie anders ist – die Mehrheit trägt schwarze Anzüge und darunter weiße Hemden, und da sich diese mehrheitliche und durchaus sinnvolle Aufteilung (schwarze Anzüge sind sicher weniger schmutzanfällig als weiße, und Hemden sind leichter zu waschen als Anzüge) durchgesetzt hat, können nur diejenigen, die in irgendeiner Form abtrünnig geworden sind, weiße Anzüge tragen.

Die damaligen Bürger der Stadt Split orientierten sich einerseits am Klima (in Split wachsen Palmen) – man trug weiß, weil es darin weniger heiß war – und andererseits an einem gewissen europäischen Schick, der zu jener Zeit herrschte und der auch dank der Ähnlichkeit mit der Mafia-Mode etwas von der großen weiten Welt andeutete.

Split und seine Palmen:
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Über die Nachteile des Tourismus

Der kroatische Tourismus versucht sich im Hotel Kristina hinter der Schönheit der Küste zu verstecken: Weil diese so berauschend schön ist, glaubt man hier, es sich leisten zu können, die billigen Sperrholzmöbel dreißig Jahre nicht ersetzen zu müssen. Und während ich mich schon fast darüber aufrege (wie deutsch bin ich eigentlich geworden?), gehe ich langsam auf die schlecht schließende Balkontür aus dünnem und brüchigem Holz zu, öffne sie mit einigen Tricks, befreie mich aus der staubigen Mumienumarmung der Vorhänge und lasse mich vom unsagbaren Blau des ruhig vor mir liegenden Meeres betören.
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Die gleißende Sonne verwandelt das Blau in Weiß und Gold. Über dem Ort liegt eine seltsame Ruhe, es ist so still wie nicht einmal in meiner Kindheit (oder kommt es mir nur so vor?), nicht einmal das Tuckern der Fischerboote kann man hören.
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Das ewige Fehlen der Zeit: Die Plastiksessel auf dem Balkon und das kleine runde Tischchen mit der zerkratzten Oberfläche laden zu einem Vormittag mit geschlossenen Augen in der Sonne ein; ich will aber schnell nach draußen, um diesen sommerlichen Märztag an der Adria in der ganzen Fülle seiner Möglichkeiten zu erfassen. Die neuen Fassaden, die verschiedenen Imitationen eines amerikanischen Luxus im Kleinen, die Kolonaden, Säulen, Fassaden in gelb, rosa und lila, haben das alte Fischerdorf in eine Kulisse verwandelt, in der man bestens brasilianischen Seifenopern drehen könnte. Die lange Strandpromenade wirkt so dahingestreckt, als würde sich Vodice die vielen Wunden des florierenden Massentourismus in der Sonne lecken. Es sind nur einige Touristengruppen im Ort, kein Vergleich mit dem Trubel, der jeden Sommer die Ortschaft heimsucht.
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Unterwegs

Das Auto bewegt sich langsam auf der kurvigen Küstenstraße. Als ich klein war – wie anders war damals alles doch! – wurde mir regelmäßig schon nach einigen Kilometern schlecht. Damals lag Vodice am Ende der mir bekannten Welt. Diese Welt weitete sich später langsam, aber gewaltig – und da Raum und Zeit untrennbar verbunden sind, verschluckte diese Erweiterung auch viel Zeit. Diese Zeit hat das hübsche Gesicht meiner Tante Nera (oben, am Anfang dieses Blogs ist sie als Mädchen mit ihrem Bruder Branko abgebildet) zerfurcht und ihre schönen schwarzen Haare weiß gefärbt. Meine Fahrt heute wirft die Frage der Zeit unbarmherzig auf: Ich möchte mich in die Vergangenheit begeben, eine Vergangenheit, die vor mir da war, als diese Orte noch phantastischer und unwirklicher waren, als sie ohnehin sind.
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