Die drei Schwestern

Oliva

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Ich habe dieses Foto des heiligen Baums in Matera aufgenommen, jenem magischen Ort, vor dem Christus stehen geblieben ist, weiter als nach Eboli war er damals nicht gekommen, behauptet Levi. Ich hätte auch die Olivenhaine meiner Familie aufnehmen können. Ein Onkel von mir, dessen Foto auf einem Motorrad in Partisanenuniform ich in diesem Blog veröffentlicht habe, hat eine "Ode an die Olive" geschrieben, ein sehr schönes Gedicht, in dem er der Olive sagt, sie sei bei der Geburt dabei, da das Baby mit ihrem Öl gesäubert werde, und sie sei bei der letzten Salbung dabei, von der Wiege bis zur Bahre begleitet die heilige Pflanze den Menschen am Mittelmeer. Das Öl leuchtete durch Jahrhunderte in den Lampen und ernährte die Armen. "Den Frauen wird dein schöner Name gegeben / um dich zu ehren, Olive", dichtet er. Meine Großmutter bekam auch diesen Namen. Auch ich habe ein Gedicht geschrieben, in dem die goldene Spur des Olivenöls vorkommt:

Hunger


Die Schüssel bis zum Rand gefüllt
mit dem goldenen Meer
aus Stockfischsuppe

Weiße Kartoffelwürfel sind die Inseln

Mutter
deine schlaffe Hand drückt die Zigarette
neben dem Stück Brot aus

Durch das geschliffene Glas
erblicke ich mein Gesicht
im honigfarbenen Prošek

Großvater
die Fischgräten glitzern geheimnisvoll
in deinem Teller

Eine Tante erzählt die alte Geschichte
in der dünner Maisbrei, zwei-drei Tropfen Olivenöl
und der zweite Weltkrieg vorkommen

Und die andere sagt:
Ihr habt mir immer die getrockneten Feigen geklaut,
die ich mir aufbewahren wollte


Meine Mutter ist nach eigenen Angaben dem Hungertod im Zweiten Weltkrieg dank dem Olivenöl entgangen, und bis heute ist ihre Leibspeise eine Hand voll Maismehl in ein wenig Salzwasser aufgekocht und mit einigen Tropfen Olivenöl abgeschmeckt.

Es ist jetzt in Deutschland, Österreich, Schweden und sogar in England modern geworden, mit Olivenöl zu kochen. Es passiert mir, dass mich meine deutschen Freunde über die gesundheitlichen Vorzüge des Olivenöls aufklären. Ich verschweige dann, dass meine Tante mir beigebracht hat, mich mit Olivenöl einzureiben, um keinen Sonnenbrand zu bekommen – das funktionierte ausgezeichnet, aber die Touristen vertrauten damals wie heute mehr ihrer eigenen chemischen Industrie. Wir kamen uns allerdings arm und (wie auch sonst) barbarisch vor, als wir unsere mit einfachen Korken verstopften klebrigen Fläschchen auspackten und uns mit dem Öl einschmierten, so dass wir nach gegrilltem Fisch rochen. Meine Tante, die jüngste der drei Schwestern, konnte darüber laut lachen, aber es war ihr auch ein wenig unangenehm nach Fisch zu riechen. Natürlich liebäugelten wir mit den NIVEA-Flaschen der Strandnachbarinnen, die außerdem viel schönere Bikinis hatten als wir. Nun, heute weiß ich es besser. Wenn die Touristen auf mich und meine Tante Viola hören würden, dann blieben die Ergebnisse im Urlaub nicht aus. Die Haut würde nicht nur braun, sondern auch geschmeidig und glatt. Oder sie würden sich der Sonne erst gar nicht aussetzen. Meine Großmutter würde das Einreiben mit dem Olivenöl, aber keinesfalls Sonnenbäder empfehlen, sie wollte seit 1946 keine Sonne mehr sehen und hatte bis zu ihrem Tod 1993 eine makellose weiße Haut, die sich weich und samten über ihren schweren Körper spannte und die auch ihre schönen Waden zierte.

Damenschuhe für ein Waisenkind

Die liebste Erzählung der jüngsten Schwester meiner Mutter aus „jenen Zeiten“ betrifft ihren Mann: Als dieser nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem sein Vater als Partisan von den Italienern getötet und seine Mutter als zivile Geisel zuerst von den Italienern auf der Insel Molat und später von den Deutschen in Dachau interniert wurde, von einer internationalen humanitären Organisation Schuhe bekam, waren es Damenschuhe mit hohen Absätzen. Nun, es war dem siebenjährigen Jungen, der zum ersten Mal in die Schule gehen sollte, sehr peinlich, solche Schuhe zu tragen. „Du musst“, definierte seine Mutter mit drohender Stimme, sie war ohnehin sehr grob und kurz angebunden. Wie sollte man sich der humanitären Organisation gegenüber undankbar zeigen, wo sie doch die Kriegswaisen so großzügig bedachte? Der Junge machte sich am ersten Schultag recht verzweifelt auf den Weg. Solange er auf der staubigen Straße vor sich hin trippelte, war noch alles in Ordnung, obwohl seine Ohren vor Peinlichkeit rot glühten. Aber als er auf dem Asphalt in der Nähe der Schule seine Tock-Tock-Tock-Tock-Schritte hörte, zog er die Schuhe aus und rannte zurück nach Hause. Er schnappte sich eine Axt und schlug die beiden Absätze ab. Aber die Vorderspitzen der Schuhe ragten nun in die Höhe, als wären es zwei sinkende venezianische Gondeln.

El Shatt 3

Die Zeitung „Naš list“ verarbeitete Nachrichten, die Radio London gesendet hatte, es wurden auch andere Zeitschriften, Bilderbücher und Fiebeln in einer eigenen Druckerei gedruckt. Wandzeitungen brachten regelmäßig Nachrichten aus der Heimat, und die traurigsten Momente waren die, wenn jemand unter den Namen der Gefallenen und der Verstorbenen eine ihm nahe stehende Person entdeckt hatte. Die Nachrichten über den Tod von Flüchtlinge trafen wahrscheinlich genauso verzögert ein und riefen in der Heimat die gleiche Trauer hervor, aber meist hörten die voneinander getrennten Menschen wenig von ihren Nächsten, die auf der anderen Seite des Mittelmeers zurück geblieben waren. Auf dem Friedhof in El Shatt ruhen 856 Flüchtlinge, die nie mehr das dalmatinische blaue Meer sehen konnten. Meine Großmutter Oliva war in jener Zeit in einem Lager in Belgrad – sie muss sich oft gefragt haben, wie es wohl ihren beiden Töchtern in Afrika und ihrer ältesten Tochter, die zu Hause geblieben war, erging.

Ich bleibe lange vor den Fotos der Kinder stehen, versuche unter den lächelnden Gesichter der Mädchen mit weißen Schleifen im Haar meine Tanten zu erkennen, natürlich vergeblich, die Kinder sehen alle ähnlich aus. Am Ende kaufe ich den Katalog und verabschiede mich von den freundlichen Museumswächtern, immer noch die einzige Besucherin an diesem Vormittag.

Meine Tanten in El Shatt

Ich verabschiede mich von meinem Zagreber Freund, der verspricht mich abzuholen, ich solle ihm nur eine SMS schicken, wenn ich fertig sei. Ich schiebe das schwere Tor auf und gelange in den dunklen, von einem mächtigen Gewölbe überdachten Innenhof (eigentlich eine Art Atrium; Wikipedia: „Es gab in kleineren Häusern auch komplett überdachte Atrien ohne ein Compluvium. Dies wurde als atrium testudinatum bezeichnet“.). Ich weiß nicht viel über Atrien. Schade eigentlich.

Aus dem Lautsprecher zählt eine leise Stimme die Namen der Bewohner der Wüstenstadt El Shatt auf. Ich laufe die Treppe hinauf zur ersten Etage, und die freundlichen Mitarbeiter erklären mir den Weg, den ich gehen soll. Ich bin die einzige Besucherin an diesem Vormittag. Voller Ehrfurcht begebe ich mich in die Welt, über die bei uns zu Hause immer wieder arabische Märchen erzählt wurden – wie die Tanten im Sand gespielt haben und von „vermummten Schwarzen“ geklaut werden sollten, wie sie sich dann aber mutig schreiend und flüchtend gerettet haben, und wie der Großvater, der sonst seinen Stock vor allem zum Verprügeln von Biserka, der älteren Tante, benutzt hat, mit eben diesem Stock in Richtung der „Schwarzen“ herumfuchtelte, so dass diese ungeheuerlichen schwarzen Kinderdiebe einen Grund mehr hatten zu verschwinden. Die Geschichte war schaurig, und ihre Glaubwürdigkeit stand auf tönernen Füßen, aber sie wurde dennoch gerne erzählt.

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Kinder in El Shatt - Fotografiert in der Ausstellung

Über die weibliche Schönheit

Nach den Berichten, die ich von den drei Töchtern meiner Großmutter Oliva sowie ihrer einzigen Nichte Nera gehört habe, war meine Großmutter „eine sehr schöne Frau“. Ich weiß nicht genau, wie ich mir diese Schönheit vorstellen soll. In meiner Erinnerung war die Großmutter zu dick, ihre Haare („unsere Mutter hatte wunderschöne Haare“) waren schwarz bis ins hohe Alter, nur von dem einen oder anderen silbernen Faden durchzogen, sie waren dünn und zu zwei Zöpfen geflochten, die sie nach alter dalmatinischer Art wie einen Kranz um den Kopf band. Sie hatte ein eher rundes als ovales Gesicht, volle Lippen und ein merkwürdiges Lächeln, das ich nie richtig zu deuten wusste. „Sehr schön“, betonen die Töchter.

Vor allem die jüngste wird dann immer laut: „Deswegen hat man sie auf dem Transport in das Lager am meisten geschlagen. Die große dunkelhaarige sollst Du schlagen, die große“, haben angeblich die Soldaten gerufen. In der Erzählung waren das deutsche Soldaten. Wie haben die Häftlinge sie verstanden, frage ich mich. Vielleicht waren die Schläger die einheimischen Helfer der Deutschen? Diese Frage muss ich noch klären, denke ich später.

Meine Tante Filka kann man nicht unterbrechen, wenn sie darüber spricht. Überhaupt merke ich - da ich nun gekommen bin, um alles zu erfahren -, dass die Kunst des Erzählens, die Kunst des Zuhörens und die Kunst des Verstehens drei häufig aneinander vorbeigehende Pfade sind, die sich nicht immer kreuzen müssen. Genauso wie die Frage der Schönheit.

Ich befürchte, dass eine gewisse Neigung zum Ansammeln von Fett in weiblichen Rundungen, die in unserer Zeit fast ordinär wirkt, an mich vererbt wurde, zusammen mit der unerreichbaren zweiten Etage des Hauses. Solche Dickleibigkeit zeugt in meinen eigenen Augen von einer Schwäche des Charakters, und alle Überlegungen über die genetische Vorbestimmtheit helfen mir da nicht weiter. Zu ihrem vollen Gesicht und unter ihrem Zopfkranz trug meine Großmutter Ohrringe nach alter Art: auf feinem Golddraht hängen zwei rote Steine (Rubine? das glaube ich nicht!) in Gold gefasst. Diese habe ich auch geerbt, meine Mutter hatte immer eine Neigung für Schmuck, sie hat fast nichts anderes als Andenken an Oliva beansprucht, nur diese Ohrringe, die jetzt bei mir in einer Schatulle liegen, bei einem ist der Golddraht gerissen, ich habe sie nie getragen.

Worauf es im Leben ankommt

Für meine Mutter ist Kleidung und das Sichzurechtmachen die Hälfte ihres Lebensinhalts. Die zweite Hälfte sind ihre Kinder und ihre jüngere Schwester.

Die trügerischen Erinnerungen

Ich könnte den Roman so beginnen:

Rosa hört das Plätschern des Wassers, als würde jemand unverschämt laut flüstern. Direkt in ihr Ohr. Sie kauert sich in ihrem Versteck hinter dem Ortsbrunnen, dieser Quelle des Lebens inmitten des Fischerdorfes Vodice, das für die kleine Rosa die Hälfte der bekannten Welt darstellt. Die zweite Hälfte heißt Šibenik, eine Stadt, in der es einen Park gibt, in dem Kinder Tauben jagen, während ihre Gouvernanten auf den grünen Bänken sitzen und sich über den Staub ärgern, den die Kieswege im Park an ihren Schuhen hinterlassen haben.

Rosa hat keine Schuhe, wie alle Kinder aus ihrem Dorf - doch nicht im Sommer! Im Winter trägt sie handgemachte Schuhe aus grobem Rindsleder mit einer Gummisohle, die sie von irgendjemandem im Dorf geerbt hat, und wenn sie sie nicht mehr tragen kann, wird eine ihrer Schwestern sie erben. Eine von den beiden, die schon im Boot liegen, während Rosa aus dem Boot herausgesprungen und zurück zum Brunnen gerannt ist, wo sie sich jetzt versteckt. Weder die Schwestern noch die Erwachsenen im Boot konnten ihr etwas nachrufen, obwohl sie es alle sicher gewollt hätten – den Schwestern drückte der Großvater panisch jeweils eine Hand vor den Mund, und die Erwachsenen waren an das Schweigen gewöhnt. Innerlich hatten sie sie sicher verflucht, dieses zu große Mädchen mit den groben Gesichtszügen und den beiden dicken, schwarzen Haarzöpfen in seinem kurzen, ausgewaschenen Kleid und mit schmutzigen Füßen, das wortlos genau in dem Augenblick aus dem Boot verschwunden war, in dem man ablegen wollte, um mit den Rudern ganz leise ins Wasser zu stechen, während der italienische Wachmann hinter dem Fischmarkt seine Runde dreht und der Lichtkegel der Scheinwerfer vom Aufsichtsturm den kleinen Platz mit der einzigen Dorfkneipe beleuchtet.

Später prüfe ich diese Geschichte noch einmal. Mein Leben lang war ich sicher, dass sich das alles mehr oder weniger so abgespielt hat.
- Mama, - frage ich - wie bist du dann nach Hause gekommen? In der Nacht? Hattest du keine Angst?
- Es war nicht in der Nacht - sagt meine Mutter verwundert. - Es war am Tage. Ich habe abgewartet, dass das Boot wegfährt und bin dann nach Hause gerannt.
An dieser Stelle kommt auch in dieser für mich neuen Version der Geschichte die mir so vertraute rhetorische Formel vor: „Meine arme Oliva“.
- Meine arme Oliva hat sich die Haare gerauft und hat laut geklagt, als sie mich sah. Sie glaubte, dass man uns alle entdeckt hat. Als ich sie dann beruhigte und ihr erklärte, dass nur ich zurück gekommen bin, die anderen aber unbemerkt den Hafen verlassen konnten, klagte sie noch lauter. Was mache ich bloß mit dir, was mache ich bloß mit dir. Sie packte gerade, da sie in einigen Tagen abgeholt werden sollte.
- Abgeholt?
- Ja, sie sollte sich für das Lager fertig machen.
Wie packt man wohl für das Lager, frage ich mich.

Die drei Schwestern

Ich sitze im Bett im Hotel Kristina in Vodice. Die ersten Seiten des Romans, der die Suche nach den Spuren meiner Urgroßmutter und meiner Großmutter werden soll, könnte ich mit den Gefühlen füllen, die dabei entstehen, wenn man an den Ort der eigenen Kindheit zurückkehrt, einen Ort, in dem das alte Familienhaus steht, um dort in einem schlechten Hotel Stellung zu beziehen, die Gerüche von Feuchtigkeit, der schlechten Küche und der alten Möbel einzuatmen und die Notizen durch zu blättern, die am Nachmittag in der kleinen Küche meiner Tante aufgenommen wurden.
Hotel-Kristina
Ich könnte auch mit dem Haus anfangen. Der Roman könnte eine Hausstruktur bekommen. Unser Haus steht immer noch mitten im Dorf, die grünen Fensterläden sind morsch und geschlossen, das Haus, das mir einst sehr groß vorkam, fällt in sich zusammen, es ist verlassen, und die Aufteilung zwischen den Schwestern ist zwar abgeschlossen, aber leider in einer Weise, die jede Rettung des Hauses unmöglich gemacht hat. Die jüngste, die vor Ort lebt, will unbedingt die beiden anderen Teile kaufen, ihr gehört das Erdgeschoss und der Hof, in dem immer noch der Rosenbusch meiner Großmutter Oliva blüht, von dem die Rosen stammen, die meine Mutter ihr ans Grab legt, wenn sie es besucht. Die mittlere Schwester, die auf einer dalmatinischen Insel lebt, will aus sentimentalen Gründen unbedingt ihren Teil (die Mitte des Hauses) behalten, hat aber kein Geld, um es zu renovieren, die älteste - meine Mutter - ist wie immer indifferent, und da sie sich mit der jüngeren Schwester gut versteht, würde sie dieser den eigenen Anteil am liebsten schenken. Ihr gehört die zweite Etage und das Dach - sozusagen der Kopf des Hauses. Es ist eine symbolische Ordnung, die sich in diese Aufteilung eingeschlichen hat. Es gibt Themen, die man mit meiner Mutter nicht besprechen kann. Dieses gehört dazu: ihre Schwestern. Oder das Haus. Die Teilung des Hauses. Der Roman würde also auf tabuisierten Themen gründen und drei Teile haben…
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Den ganzen Tag habe ich mich im Ort neu orientiert. Das verlassene Haus, in dem in meiner Erinnerung immer noch meine Großmutter Oliva auf einer Ottomane thront, sich entweder mit einem Fächer kühlt oder mit verbundenem Kopf und geschlossenen Augen unbeweglich daliegt und ab und zu über ihre Migräne klagt, ist noch immer das Herz dieses Städtchens.
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