Abschied von Vodice

Ich verabschiede mich von Vodice. Ich habe noch einmal hier Geschichten gesammelt, viele aufgeschrieben, andere vergessen. Sie fließen alle in eine Geschichte ein.
Im unglaublichen touristischen Trubel dieses Ortes bleiben erschreckend wenige vor dem Denkmal in Form eines Eises stehen, um die Namen der Gefallenen zu lesen, darunter auch die meiner Verwandten.

In der glühenden Hitze sitze ich neben dem Denkmal und versuche ihre Geschichte einfach zu spüren. Die Wüste in El Shatt, die Dürre auf Molat, die Hitze auf dem Feld des Ziegelwerks in Belgrad, auf dem meine Großmutter Oliva als Zwangsarbeiterin eingesetzt war – alle Szenen aus der Geschichte meiner Familie mütterlicherseits scheinen in einem gleißenden Licht zu stehen, in einer verstaubten, vertrockneten Umgebung, nur die Körper sind von klebrigem Schweiß überzogen. Dieser dickflüssige, gelatineartige Schweiß und diese erbarmungslose Hitze sind jene Wahrnehmungen, die mich seit Jahren verfolgen und sich in meinem Kopf in Worte formen wollen, so wie andere den Duft ihrer Truhen mit der Leinenwäsche, ihrer Bibliotheken oder ihrer großstädtischen Kinderzimmer in sich tragen. Glitzernd, goldgelb und dickflüssig ist auch der heilige Saft der Oliven, jene Flüssigkeit, mit der das Leben am Mittelmeer beginnt und endet.

Fabion - 12. Sep, 18:57












