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Samstag, 12. September 2009

Oliva

100_1543

Ich habe dieses Foto des heiligen Baums in Matera aufgenommen, jenem magischen Ort, vor dem Christus stehen geblieben ist, weiter als nach Eboli war er damals nicht gekommen, behauptet Levi. Ich hätte auch die Olivenhaine meiner Familie aufnehmen können. Ein Onkel von mir, dessen Foto auf einem Motorrad in Partisanenuniform ich in diesem Blog veröffentlicht habe, hat eine "Ode an die Olive" geschrieben, ein sehr schönes Gedicht, in dem er der Olive sagt, sie sei bei der Geburt dabei, da das Baby mit ihrem Öl gesäubert werde, und sie sei bei der letzten Salbung dabei, von der Wiege bis zur Bahre begleitet die heilige Pflanze den Menschen am Mittelmeer. Das Öl leuchtete durch Jahrhunderte in den Lampen und ernährte die Armen. "Den Frauen wird dein schöner Name gegeben / um dich zu ehren, Olive", dichtet er. Meine Großmutter bekam auch diesen Namen. Auch ich habe ein Gedicht geschrieben, in dem die goldene Spur des Olivenöls vorkommt:

Hunger


Die Schüssel bis zum Rand gefüllt
mit dem goldenen Meer
aus Stockfischsuppe

Weiße Kartoffelwürfel sind die Inseln

Mutter
deine schlaffe Hand drückt die Zigarette
neben dem Stück Brot aus

Durch das geschliffene Glas
erblicke ich mein Gesicht
im honigfarbenen Prošek

Großvater
die Fischgräten glitzern geheimnisvoll
in deinem Teller

Eine Tante erzählt die alte Geschichte
in der dünner Maisbrei, zwei-drei Tropfen Olivenöl
und der zweite Weltkrieg vorkommen

Und die andere sagt:
Ihr habt mir immer die getrockneten Feigen geklaut,
die ich mir aufbewahren wollte


Meine Mutter ist nach eigenen Angaben dem Hungertod im Zweiten Weltkrieg dank dem Olivenöl entgangen, und bis heute ist ihre Leibspeise eine Hand voll Maismehl in ein wenig Salzwasser aufgekocht und mit einigen Tropfen Olivenöl abgeschmeckt.

Es ist jetzt in Deutschland, Österreich, Schweden und sogar in England modern geworden, mit Olivenöl zu kochen. Es passiert mir, dass mich meine deutschen Freunde über die gesundheitlichen Vorzüge des Olivenöls aufklären. Ich verschweige dann, dass meine Tante mir beigebracht hat, mich mit Olivenöl einzureiben, um keinen Sonnenbrand zu bekommen – das funktionierte ausgezeichnet, aber die Touristen vertrauten damals wie heute mehr ihrer eigenen chemischen Industrie. Wir kamen uns allerdings arm und (wie auch sonst) barbarisch vor, als wir unsere mit einfachen Korken verstopften klebrigen Fläschchen auspackten und uns mit dem Öl einschmierten, so dass wir nach gegrilltem Fisch rochen. Meine Tante, die jüngste der drei Schwestern, konnte darüber laut lachen, aber es war ihr auch ein wenig unangenehm nach Fisch zu riechen. Natürlich liebäugelten wir mit den NIVEA-Flaschen der Strandnachbarinnen, die außerdem viel schönere Bikinis hatten als wir. Nun, heute weiß ich es besser. Wenn die Touristen auf mich und meine Tante Viola hören würden, dann blieben die Ergebnisse im Urlaub nicht aus. Die Haut würde nicht nur braun, sondern auch geschmeidig und glatt. Oder sie würden sich der Sonne erst gar nicht aussetzen. Meine Großmutter würde das Einreiben mit dem Olivenöl, aber keinesfalls Sonnenbäder empfehlen, sie wollte seit 1946 keine Sonne mehr sehen und hatte bis zu ihrem Tod 1993 eine makellose weiße Haut, die sich weich und samten über ihren schweren Körper spannte und die auch ihre schönen Waden zierte.

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