Eine Begegnung vor dem Denkmal


Während wir die Namen der Gefallenen lasen, kam ein Mann auf uns zu. Meine Cousine und ich grüßten, und er fragte uns sogleich, ob wir uns für die Geschichte der "Mineri" interessierten und für die anderen Gefallenen von dieser Insel. Wir bejahten und er wurde lebhaft, er zeigte uns auf dem Denkmal die Namen zweier Brüder, die gemeinsam umgekommen waren, ihr Vater kurz nach ihnen, er erzählte uns von der Jugend der Insel, die damals dem Ruf gefolgt war, gegen die Italiener zu kämpfen, sowie über die Rachezüge der Italiener.
Ich sagte ihm: "Das ist hier aber alles sehr schön und gut erhalten, es gibt auch viele Orte in Kroatien, wo heute solche Denkmäler nicht mehr gerne gesehen werden" - denn die fehlende objektive Historiographie hat m. E. in Kroatien, genauso wie in allen anderen Ländern des ehemaligen Jugoslawien, zu einer totalen Verwirrung geführt. Einerseits ist es völlig klar, dass die kommunistischen Historiker die Geschichte nach ihren eigenen ideologischen Richtlinien geschrieben haben, so dass man ihre Behauptungen auf den Prüfstand stellen muss, andererseits ist es unumstritten, dass die Kommunisten mit Tito an der Spitze sich als Anführer des gesamten Widerstands im 2. Weltkrieg durchgesetzt haben (denn es gab auch viele Widerstandskämpfer, die keine Kommunisten waren, sondern Anhänger anderer Parteien oder auch Parteilose). So haben in der jüngsten Geschichte viele Menschen das Verschwinden einer undemokratischen und ideologischen Struktur derart gefeiert, dass sie diese verteufelt haben, womit sie sich manchmal scheinbar und manchmal bewusst auf die andere Seite schlugen, die aber von der Kollaboration und vom Faschismus geprägt ist. Viele andere schweigen lieber, denn es ist unpopulär, die Kommunisten zu loben - mit ihnen ist nicht nur der Widerstand im 2. Weltkrieg, sondern auch die Verfolgung der Andersdenkenden in den Jahren nach dem Krieg verbunden.
Auch hier ist freilich Vorsicht vor voreiligen Schlüssen geboten, denn nicht jeder Antikommunismus ist sofort mit Faschismus gleichzusetzen - was im demokratischen Westeuropa selbstverständlich ist, ist hier im Süden noch immer von schärfsten Konfrontationen gekennzeichnet, die vor allem von Emotionen, Ressentiments und Vorurteilen geprägt sind. Eine komplexe Situation, gewiss, die aber nüchterne und um Objektivität bemühte Wissenschaftler und nicht erfolgsorientierte Politiker und Journalisten braucht, damit eine Klärung herbeigeführt werden kann. Es würde auch einer europäischen Solidarität bedürfen, die die antifaschistische Vergangenheit Kroatiens besser erkennen und anerkennen müsste, um die Verunsicherung gegenüber der eigenen Vergangenheit, die im Land herrscht, zu verringern.
Auf jeden Fall antwortete mir der freundliche Mann mit gesenkter Stimme: "Es gibt auch hier vereinzelt Jugendliche, die das hier im Namen Kroatiens nicht gerne sehen, aber sie sind dumm, denn es hätte kein Kroatien gegeben, wenn diese Männer und Frauen damals nicht gegen Italiener und Deutsche gekämpft hätten." Womit er vermutlich Recht hat...
Fabion - 12. Sep, 16:16












