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Der tote Mann in Triest

Ich weiß, der Titel dieses Beitrags hört sich wie der Titel eines Krimis an.

Auf den Leidensweg Molat-Bagni Caldi-Fraschette di Alatri hatten die Italiener auch "die arme Tante Mare" mitgenommen. Ihren Sohn hatten "die Eigenen" erschossen, die Partisanen, weil er sich einmal beschwert hatte, dass die Kommandeure das wenige Essen, was die Frauen in die Karsthöhlen der Kämpfer brachten, an sich rissen, und die anderen Kämpfer hungrig blieben. Darüber durfte niemand sprechen, aber in den letzten Jahren kamen auch solche Geschichten zum Vorschein, und so habe ich davon bei meinen Recherchen erfahren. Ihr Mann hat Bittbriefe an Behörden geschickt, in denen er bat, dass man sie und Nera entlassen möge, Mare, weil der Sohn schon tot war (wie er umgekommen ist, wusste er vermutlich noch nicht), und Nera, weil sie jung und krank war. Seine Bitten wurden in Rom erhört, und so kamen die beiden frei, während die Urgroßmutter bleiben musste. Von Rom bis nach Triest schlugen sich die beiden Frauen durch, ohne dass sie berichten hätten können, wie sie es geschafft hatten. In Triest angekommen, schlossen sie sich einer Gruppe von Kroaten an, die - wie auch sie - aus verschiedenen italienischen Gefängnissen oder Lagern entlassen worden waren. Sie bettelten an den Türen um Essen und bekamen auch etwas, denn die Mehrheit der Italiener war auch sonst voller Mitgefühl, wie meine Tante Nera immer betont. Doch natürlich hatte niemand sie zum Übernachten eingeladen, und so schlichen sie in ein Wohnhaus und versteckten sich im Keller, wo sie auf dem Beton schliefen. Die Gruppe bestand aus lauter Frauen und einem Mann. Dieser Mann war sehr ausgehungert und schlug sich beim Betteln an den Türen den Magen voll - was für ihn tragische Folgen hatte. Die ganze Nacht stöhnte er wegen der Bauchschmerzen, aber die Frauen konnten ihm nicht helfen. Als er still wurde, schliefen auch die Frauen in der Dunkelheit ein. Am nächsten Morgen war der Mann tot. Die Frauen verließen erschrocken den Keller und verschwanden, denn sie kamen natürlich nicht auf die Idee, die Behörden zu benachrichtigen. Nera und Mare haben den armen toten Mann nie vergessen, der in einem Keller in Triest seine letzte Ruhestätte fand.

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