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Freitag, 11. September 2009

Molat-Bagni Caldi-Fraschette di Alatri

Aus dem Lager auf der Insel Molat, in dem unmenschliche Verhältnisse herrschten, gelangten Tante Nera und Urgroßmutter Luiđa mit einer weiteren Gruppe von Frauen aufgrund einer Intervention des Roten Kreuzes in die Region Bagni di Lucca. Ein Grund für diese plötzliche Wohltat wurde ihnen nicht genannt. Nera war schwer lungenkrank, eine andere Frau hatte auf der Insel Molat entbunden, und ihr Baby war - wie viele andere Kleinkinder auch - gestorben. War es eine Gruppe, die ausgewählt wurde, weil es diesen Menschen besonders schlimm erging? Wahrscheinlich.

Sie kamen aus dem Staunen nicht heraus, wie gut es hier in der Toscana war. Am ersten Tag sammelten sie noch Wasser in irgendwelchen Kübeln, die sie gefunden hatten, und versuchten diese unter den Betten zu verstecken, da sie auf der Insel Molat einen halben Liter Wasser pro Kopf bekamen (um es zu trinken und sich damit zu waschen - und das bei einer Hitze zwischen 33° und 40°C, den durchschnittlichen Temperaturen in dieser Region im Sommer). Doch die hiesigen Wächter, die an ihnen wenig interessiert waren, gaben ihnen zu verstehen, dass es hier genug Wasser gibt. Außerdem plätscherte ein Bach vor dem Haus dahin.

Sie wurden drei Monate lang in Bagni Caldi im Gebiet Bagni di Lucca mit Kastanien, die sie selbst sammeln durften, aufgepeppelt, dann wurden sie erneut aus unerklärlichen Gründen in ein anderes Lager verbracht - in die berüchtigte Fraschette di Alatri, die vom Mussolini-Regime als KZ aufgebaut worden war und in dem vor allem Verwandte - Frauen und Kinder - slowenischer, kroatischer oder griechischer Widerstandskämpfer interniert waren.

Hier gab es nur Kohlsuppe und trockenes Brot zum Essen - die Urgroßmutter teilte ihre Brotration mit Nera und kümmerte sich liebevoll um sie. Nach der Rückkehr wird sie erfahren, dass ihr Sohn und ihr Enkel umgekommen sind, die erschossene Schwiegertochter hatte sie schon begraben, bevor sie selbst verhaftet und nach Molat gebracht worden war.

Diese Frauen hatten sich ihren Männern, Söhnen, manchmal Töchtern oder sogar Enkeln und Enkelinnen angeschlossen, die zu Gegnern der Faschisten geworden waren. Sie waren es, weil sie gegen zwei Dinge waren: gegen die soziale Ungerechtigkeit, weil sie arm waren, was sie sozialistischen Ideen nahe brachte (oder besser dem, was damals schon davon in ihr Dorf vorgedrungen war), und weil sie gegen die italienische Okkupation waren. Weil der Befreiungs- und Widerstandskampf zugleich die Revolution darstellte, denn der Kampf wurde von den Kommunisten angeführt, wurden sie aber in vieler Hinsicht manipuliert. Doch auch wenn die Verwandten diesen Kampf nicht unterstützten, sie wurden trotzdem interniert, verschleppt oder getötet, weil sie in Sippenhaft zur Verantwortung gezogen wurden.

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Diesem Foto, das aus dem Familienalbum meiner Mutter stammt, habe ich den Namen „Kollektive Pietà mit zwei Josefs“ gegeben. Beide Josefs – Iosiff Wissarionowitsch genannt Stalin und Josip Broz genannt Tito –, vereint und umgeben von einer Blumengirlande, sind ein seltener Anblick. Denn nach dem Bruch mit Stalin im Jahre 1948 wurde diese Verbundenheit in Jugoslawien gewaltsam aus der Erinnerung gelöscht und mit Hilfe der sozialistischen Technik der Retusche aus den Bilddokumenten entfernt. Hier hat sie als Krönung einer Versammlung verwitweter und verwaister Frauen und Mütter im kroatischen Fischerdorf Vodice überlebt – demnach ist das Foto zwischen 1945 und 1948 entstanden. In der Mitte des Bildes sitzt meine Urgroßmutter Luiđa – umgeben von ihren Freundinnen, Verwandten und Nachbarinnen, ernsthaften Frauen mit stummen Gesichtern, fest geschlossenen Lippen und misstrauischen Augen unter schwarzen Kopftüchern, Zeichen ihrer Trauer.

Und hier meine Urgroßmutter Luiđa viele Jahre später:

Prababa-Luidja

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