Die Grenzgänger
Lilis Mutter war eine professionelle Köchin in Pula, ihre Spezialität war eine Sauerkrautsuppe namens Jota, als Kroatin sprach sie eine Variante des Italienischen, einen istrianisch-venetianischen Dialekt als Muttersprache, und ihr ebenfalls kroatischer Mann, ein Präzisionsmechaniker, war Sozialist. Auch ein Kollege der Mutter, ein Kellner aus ihrer Zeit in der Arbeiterkantine, war Sozialist, und Mussolini schickte ihn in einen seiner berühmten "Urlaubsorte" (so Berlusconi), auf eine Insel - in confino. Dieser Kellner, ein ebenfalls jenen Dialekt sprechender Kroate, pflegte zu sagen: „L’Austria me ga insegnado a magniar cinque volte al giorno“ (Österreich hat mir beigebracht, fünf Mal am Tag zu essen). Er hielt nicht viel von Jugoslawien und trauerte in italienischer Sprache Österreich nach, wie viele anderen Kroaten übrigens auch. Ich fühle mich diesem Kellner sehr verbunden! Fünf Mal am Tag zu essen, finde ich vernünftig, die sozialistischen Ideen, die er damals hatte sind zwar auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet, aber die Gerechtigkeitsmaschine, von der Tabucchi in "Piazza d'Italia" schrieb, verlangt dennoch nach ihnen, und ich sitze hier in Italien und schreibe auf Deutsch meine kroatischen Erinnerungen nieder, weil hier in Italien das Ende der Welt in Santa Maria di Leuca versteckt ist, und ich mir für diese Erinnerungen kaum ein besseres Land vorstellen kann.
Das Ende der Welt:

Das Ende der Welt:

Fabion - 10. Sep, 22:33












