Damenschuhe für ein Waisenkind
Die liebste Erzählung der jüngsten Schwester meiner Mutter aus „jenen Zeiten“ betrifft ihren Mann: Als dieser nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem sein Vater als Partisan von den Italienern getötet und seine Mutter als zivile Geisel zuerst von den Italienern auf der Insel Molat und später von den Deutschen in Dachau interniert wurde, von einer internationalen humanitären Organisation Schuhe bekam, waren es Damenschuhe mit hohen Absätzen. Nun, es war dem siebenjährigen Jungen, der zum ersten Mal in die Schule gehen sollte, sehr peinlich, solche Schuhe zu tragen. „Du musst“, definierte seine Mutter mit drohender Stimme, sie war ohnehin sehr grob und kurz angebunden. Wie sollte man sich der humanitären Organisation gegenüber undankbar zeigen, wo sie doch die Kriegswaisen so großzügig bedachte? Der Junge machte sich am ersten Schultag recht verzweifelt auf den Weg. Solange er auf der staubigen Straße vor sich hin trippelte, war noch alles in Ordnung, obwohl seine Ohren vor Peinlichkeit rot glühten. Aber als er auf dem Asphalt in der Nähe der Schule seine Tock-Tock-Tock-Tock-Schritte hörte, zog er die Schuhe aus und rannte zurück nach Hause. Er schnappte sich eine Axt und schlug die beiden Absätze ab. Aber die Vorderspitzen der Schuhe ragten nun in die Höhe, als wären es zwei sinkende venezianische Gondeln.
Fabion - 10. Sep, 22:28












