Krafne und Mokka
Auch am nächsten Tag steht schon ab 10 Uhr die gnadenlose Sonne wie eine riesige Goldmünze im wolkenlosen Himmel. Um 9 Uhr bin ich schwimmen gegangen, und jetzt schleppe ich mich langsam an den Häuserwänden der engen Straße entlang, die zur Wohnung meiner Eltern führt. Unterwegs kaufe ich die berühmten Berliner („krafne“ – vielleicht sieht die Sonne einer dieser „krafne“ ähnlich?), die man hier zum Frühstück isst – ich habe keine Ahnung, wie diese Tradition entstanden ist. Meine Mutter wartet schon mit einem duftenden Mokka auf mich, den sie in einem roten Emailletöpfchen gekocht hat. Wir setzen uns auf ihre Loggia, schlürfen dne Mokka und essen die Berliner, gut gelaunt, allerdings schon jetzt über den Tag seufzend, der wieder heiß zu werden verspricht. Doch viel mehr als die Hitze beschäftigt uns der kroatische Alltag - ein gern besprochenes Thema beim Kaffeetrinken.
Meine Mutter schimpft ganz pauschal über alle Politiker, eine Gewohnheit, die in diesen Gegenden so normal ist wie die Gespräche über das Wetter in Großbritannien. Ich versuche, ihr etwas Kritik gegenüber Tito zu entlocken.
- Ja, ja, er ist schon seit langer Zeit tot, aber in Bosnien wird er verehrt, das verstehe ich überhaupt nicht, sage ich und nippe an meinem durchaus bosnisch anmutenden Mokka.
- Kein Wunder, sagt meine Mutter, es ging den Menschen ja besser damals, ihre Politiker heute sind die gleichen Taugenichtse wie bei uns.
- Meinst Du nicht, dass Tito eine viel problematischere Gestalt ist als die Politiker heute, über die du so schimpfst, und die sich so ungeschickt um etwas bemühen, was ihnen wie Demokratie vorkommt?
Sie versteht mich nicht, zündet sich eine Zigarette und sieht mich misstrauisch an.
- Von wegen Demokratie, sagt sie schließlich resolut. Das ist nur eine Ausrede. Deine Urgroßmutter hat an Tito geglaubt, sie hat ihm eigenhändig eine Flasche „Travarica“ geschenkt und ihn als großen Sohn des Volkes gelobt - bei einem Mittagessen in Split. Sie ist dort in ihrer schwarz-weiß-gelben Tracht aus Vodice erschienen, als Mutter eines gefallenen Kriegshelden.
- Mama, wieso verstehst Du nicht, dass das eine Manipulation mit den Müttern der Gefallenen war?
- Ich verstehe alles. Mit den kleinen Leuten wird immer herummanipuliert. Aber deine Urgroßmutter war eine große Frau. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als an die Ziele der Revolution zu glauben. Sonst wären ja alle Opfer umsonst gewesen, damit hätte sie nicht leben können.
Nun verstehe ich sie nicht, und wir essen schweigend unsere Berliner weiter.
Meine Mutter schimpft ganz pauschal über alle Politiker, eine Gewohnheit, die in diesen Gegenden so normal ist wie die Gespräche über das Wetter in Großbritannien. Ich versuche, ihr etwas Kritik gegenüber Tito zu entlocken.
- Ja, ja, er ist schon seit langer Zeit tot, aber in Bosnien wird er verehrt, das verstehe ich überhaupt nicht, sage ich und nippe an meinem durchaus bosnisch anmutenden Mokka.
- Kein Wunder, sagt meine Mutter, es ging den Menschen ja besser damals, ihre Politiker heute sind die gleichen Taugenichtse wie bei uns.
- Meinst Du nicht, dass Tito eine viel problematischere Gestalt ist als die Politiker heute, über die du so schimpfst, und die sich so ungeschickt um etwas bemühen, was ihnen wie Demokratie vorkommt?
Sie versteht mich nicht, zündet sich eine Zigarette und sieht mich misstrauisch an.
- Von wegen Demokratie, sagt sie schließlich resolut. Das ist nur eine Ausrede. Deine Urgroßmutter hat an Tito geglaubt, sie hat ihm eigenhändig eine Flasche „Travarica“ geschenkt und ihn als großen Sohn des Volkes gelobt - bei einem Mittagessen in Split. Sie ist dort in ihrer schwarz-weiß-gelben Tracht aus Vodice erschienen, als Mutter eines gefallenen Kriegshelden.
- Mama, wieso verstehst Du nicht, dass das eine Manipulation mit den Müttern der Gefallenen war?
- Ich verstehe alles. Mit den kleinen Leuten wird immer herummanipuliert. Aber deine Urgroßmutter war eine große Frau. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als an die Ziele der Revolution zu glauben. Sonst wären ja alle Opfer umsonst gewesen, damit hätte sie nicht leben können.
Nun verstehe ich sie nicht, und wir essen schweigend unsere Berliner weiter.
Fabion - 7. Mrz, 22:13












