Die Lügen

Meinen deutschen Freunden kann ich nicht gut erklären, was eigentlich das Hauptproblem mit dem Land namens Jugoslawien war. Das Hauptproblem war, dass das Land auf sehr vielen Lügen aufgebaut war. Auf dem Foto, das mir mein Onkel gegeben hat, sind eine "Kroatin" und eine "Serbin" aus Holz zu sehen. Die Riesenfiguren wurden 1945 auf dem Hauptplatz in Zagreb ausgestellt - durch diesen Triumphbogen sollten die Partisanen in die Stadt einmarschieren und von den Figuren begrüßt werden. In Manier der Volkslieder sind ihre Kleider mit folgenden Versen bedruckt: "Genosse Tito, wir schwören Dir, von Deinem Weg nicht abzukommen", "Es gibt keine bessere Blumen als den Flieder und keine besseren Krieger als die Partisanen" und - als Krönung und in kyrillischen Buchstaben geschrieben - "Wertvoller als Silber oder Gold ist die Eintracht der Serben und Kroaten".
Doch die erste Lüge besteht schon darin, diese folkloristisch anmutenden Figuren mitten in die bürgerlichste aller jugoslawischen Städte zu stellen. Die Folklore war als Grundlage der jugoslawischen Ideologie eine der wichtigsten Lügen überhaupt, die übrigens auch zum Sympathieträger für Jugoslawien im Ausland wurde. Es fällt mir schwer, vor allem den wohwollenden, progressiven (häufig links sozialisierten) deutschen Bekannten und Freunden zu erklären, dass ich nie viel für Folklore übrig hatte, diese aber eine der Grundsäulen war, auf denen Jugoslawien aufgebaut wurde. Die Folklore sollte identitätsstiftend wirken und als Ersatz für die proletarischen Schichten dienen, die es einfach nicht hinreichend gab, um den Kommunismus aufzubauen. Vor allem aber sollte sie die Individualität der bürgerlichen Gesellschaft durch den Kollektivismus der folkloristischen, patriarchalischen Gesellschaft ersetzen. Und dafür konnte ich einfach nie viel Interesse aufbringen. Ich kannte damals eigentlich niemanden, den das interessierte.

Fabion - 22. Jun, 23:25












