[>>]

Montag, 16. Juni 2008

Über die weibliche Schönheit

Nach den Berichten, die ich von den drei Töchtern meiner Großmutter Oliva sowie ihrer einzigen Nichte Nera gehört habe, war meine Großmutter „eine sehr schöne Frau“. Ich weiß nicht genau, wie ich mir diese Schönheit vorstellen soll. In meiner Erinnerung war die Großmutter zu dick, ihre Haare („unsere Mutter hatte wunderschöne Haare“) waren schwarz bis ins hohe Alter, nur von dem einen oder anderen silbernen Faden durchzogen, sie waren dünn und zu zwei Zöpfen geflochten, die sie nach alter dalmatinischer Art wie einen Kranz um den Kopf band. Sie hatte ein eher rundes als ovales Gesicht, volle Lippen und ein merkwürdiges Lächeln, das ich nie richtig zu deuten wusste. „Sehr schön“, betonen die Töchter.

Vor allem die jüngste wird dann immer laut: „Deswegen hat man sie auf dem Transport in das Lager am meisten geschlagen. Die große dunkelhaarige sollst Du schlagen, die große“, haben angeblich die Soldaten gerufen. In der Erzählung waren das deutsche Soldaten. Wie haben die Häftlinge sie verstanden, frage ich mich. Vielleicht waren die Schläger die einheimischen Helfer der Deutschen? Diese Frage muss ich noch klären, denke ich später.

Meine Tante Filka kann man nicht unterbrechen, wenn sie darüber spricht. Überhaupt merke ich - da ich nun gekommen bin, um alles zu erfahren -, dass die Kunst des Erzählens, die Kunst des Zuhörens und die Kunst des Verstehens drei häufig aneinander vorbeigehende Pfade sind, die sich nicht immer kreuzen müssen. Genauso wie die Frage der Schönheit.

Ich befürchte, dass eine gewisse Neigung zum Ansammeln von Fett in weiblichen Rundungen, die in unserer Zeit fast ordinär wirkt, an mich vererbt wurde, zusammen mit der unerreichbaren zweiten Etage des Hauses. Solche Dickleibigkeit zeugt in meinen eigenen Augen von einer Schwäche des Charakters, und alle Überlegungen über die genetische Vorbestimmtheit helfen mir da nicht weiter. Zu ihrem vollen Gesicht und unter ihrem Zopfkranz trug meine Großmutter Ohrringe nach alter Art: auf feinem Golddraht hängen zwei rote Steine (Rubine? das glaube ich nicht!) in Gold gefasst. Diese habe ich auch geerbt, meine Mutter hatte immer eine Neigung für Schmuck, sie hat fast nichts anderes als Andenken an Oliva beansprucht, nur diese Ohrringe, die jetzt bei mir in einer Schatulle liegen, bei einem ist der Golddraht gerissen, ich habe sie nie getragen.

User Status

Du bist nicht angemeldet.

BesucherInnen (seit 11.08.2008)

Aktuelle Beiträge

So ist wunderschön...
So ist wunderschön geschrieben! Obwohl deutsch...
V. Julia V. (Gast) - 23. Sep, 23:25
Abschied von Vodice
Ich verabschiede mich von Vodice. Ich habe noch einmal...
Fabion - 12. Sep, 19:04
Oliva
Ich habe dieses Foto des heiligen Baums in Matera...
Fabion - 12. Sep, 18:57
Die Kapern
Eine der Inseln in diesem Archipel heißt Kaprije...
Fabion - 12. Sep, 18:43
Die Frauen
Es gab Tage, an denen meine Großmutter Oliva,...
Fabion - 12. Sep, 18:39

Meine Abonnements

Suche

 

Status

Online seit 568 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 25. Sep, 21:46

Credits

vi knallgrau GmbH

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page

twoday.net AGB