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Montag, 16. Juni 2008

Die trügerischen Erinnerungen

Ich könnte den Roman so beginnen:

Rosa hört das Plätschern des Wassers, als würde jemand unverschämt laut flüstern. Direkt in ihr Ohr. Sie kauert sich in ihrem Versteck hinter dem Ortsbrunnen, dieser Quelle des Lebens inmitten des Fischerdorfes Vodice, das für die kleine Rosa die Hälfte der bekannten Welt darstellt. Die zweite Hälfte heißt Šibenik, eine Stadt, in der es einen Park gibt, in dem Kinder Tauben jagen, während ihre Gouvernanten auf den grünen Bänken sitzen und sich über den Staub ärgern, den die Kieswege im Park an ihren Schuhen hinterlassen haben.

Rosa hat keine Schuhe, wie alle Kinder aus ihrem Dorf - doch nicht im Sommer! Im Winter trägt sie handgemachte Schuhe aus grobem Rindsleder mit einer Gummisohle, die sie von irgendjemandem im Dorf geerbt hat, und wenn sie sie nicht mehr tragen kann, wird eine ihrer Schwestern sie erben. Eine von den beiden, die schon im Boot liegen, während Rosa aus dem Boot herausgesprungen und zurück zum Brunnen gerannt ist, wo sie sich jetzt versteckt. Weder die Schwestern noch die Erwachsenen im Boot konnten ihr etwas nachrufen, obwohl sie es alle sicher gewollt hätten – den Schwestern drückte der Großvater panisch jeweils eine Hand vor den Mund, und die Erwachsenen waren an das Schweigen gewöhnt. Innerlich hatten sie sie sicher verflucht, dieses zu große Mädchen mit den groben Gesichtszügen und den beiden dicken, schwarzen Haarzöpfen in seinem kurzen, ausgewaschenen Kleid und mit schmutzigen Füßen, das wortlos genau in dem Augenblick aus dem Boot verschwunden war, in dem man ablegen wollte, um mit den Rudern ganz leise ins Wasser zu stechen, während der italienische Wachmann hinter dem Fischmarkt seine Runde dreht und der Lichtkegel der Scheinwerfer vom Aufsichtsturm den kleinen Platz mit der einzigen Dorfkneipe beleuchtet.

Später prüfe ich diese Geschichte noch einmal. Mein Leben lang war ich sicher, dass sich das alles mehr oder weniger so abgespielt hat.
- Mama, - frage ich - wie bist du dann nach Hause gekommen? In der Nacht? Hattest du keine Angst?
- Es war nicht in der Nacht - sagt meine Mutter verwundert. - Es war am Tage. Ich habe abgewartet, dass das Boot wegfährt und bin dann nach Hause gerannt.
An dieser Stelle kommt auch in dieser für mich neuen Version der Geschichte die mir so vertraute rhetorische Formel vor: „Meine arme Oliva“.
- Meine arme Oliva hat sich die Haare gerauft und hat laut geklagt, als sie mich sah. Sie glaubte, dass man uns alle entdeckt hat. Als ich sie dann beruhigte und ihr erklärte, dass nur ich zurück gekommen bin, die anderen aber unbemerkt den Hafen verlassen konnten, klagte sie noch lauter. Was mache ich bloß mit dir, was mache ich bloß mit dir. Sie packte gerade, da sie in einigen Tagen abgeholt werden sollte.
- Abgeholt?
- Ja, sie sollte sich für das Lager fertig machen.
Wie packt man wohl für das Lager, frage ich mich.

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