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Der Roman Oliva

Es soll ein Roman werden, der folgende Ebenen beinhaltet:
• oral history, die Erinnerungen meiner älteren und jüngeren Verwandten und Bekannten, die ich in Dalmatien zusammen getragen habe, um die Geschichte meiner Familie mütterlicherseits zu rekonstruieren
• meine Überlegungen über diese Erinnerungen
• meine Reiseeindrücke zu diesen touristisch extrem belasteten Regionen (Dalmatien, Apulien)
• Geschichten, die sich mir nach der Lektüre bestimmter historischer Werke erschlossen haben, wie eben diese Geschichte über das getötete Kind, die ich sowohl in einem ziemlich schrecklich geschriebenen Erinnerungsbuch eines Partisanenkommandanten gelesen wie auch von meiner Tante Nera gehört habe.

Wie verbindet man diese Ebenen in einem Roman? Diese Frage stelle ich mir andauernd und probiere jede Woche ein anderes Szenario aus. Einmal soll es ein Erlebnisbericht werden wie die Beschreibung der Kreuzfahrt durch die Karibik von David Foster Wallace (das betrifft natürlich vor allem die Tourismuskritik), ein anderes Mal möchte ich einen spannenden Aktionsroman rund um die große Liebe zwischen meinen Großeltern schreiben (dieses wäre weitgehend gelogen, aber romatisch), dann wieder soll es die Biographie meiner schönen Tante Nera werden. Auf diesem Foto, das ich im Sommer aufgenommen habe, ist sie besonders schön, finde ich.

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Higgs-Teilchen

Nun soll der Teilchenbeschleuniger im Forschungszentrum CERN helfen, die Higgs-Teilchen zu finden: „Inzwischen wissen wir fast alles über dieses Higgs-Teilchen – nur nicht, ob es existiert“, sagt dazu Professor Rolf-Dieter Heuer. Und so geht es auch mir – inzwischen weiß ich sehr viel über den Zweiten Weltkrieg in Dalmatien, nur nichts darüber, was eigentlich die Zeit ist. Und die Zeit hat alles in Vergangenheit verwandelt. Aber ob die Vergangenheit existiert? Und vor allem: in welcher Form? Hat sie eine Masse, um bei der Sprache der Physik zu bleiben. Oder besteht sie nur aus luftigen Fetzen von Erinnerungen und Worten, die heute nichts mehr bedeuten?

Die Geschichten, die noch zu finden sind

Ich suche, ohne genau zu wissen, was zu finden ist. Bisher habe ich viele Geschichten und vor allem ein vages Gefühl gefunden, das Gefühl, dass alle Ideen von einer Weltordnung blind sind, ob groß und klein, ob hell und düster, ob optimistisch oder zerstörerisch, ob von kleinen Leuten formuliert oder von Philosophen beschrieben. In einer der Geschichten, die ich gefunden habe, hocken verschrockene Zivilisten zwei Tage lang in einem Versteck, während italienische Faschisten nach ihnen suchen. Am zweiten Tag beginnt ein hungriges, zehn Monate altes Baby zu weinen. Alle Versuche der Mutter, das Kind zu beruhigen, helfen nichts, da sie keine Milch in ihren Brüsten hat, weil sie selbst hungrig und verzweifelt ist.
- Bring das Kind zum Schweigen – zischt ihr einer der Partisanen zu, der die Zivilisten beschützen soll.
- Es geht nicht – sagt die verzweifelte Mutter. – Ich gehe hinaus, egal was mit mir geschieht, dann seid ihr anderen wenigstens sicher.
- Nein, das geht nicht! Du bist eine schwache Frau, wenn sie dich erwischen, wirst du womöglich unser Versteck verraten. Du musst das Kind ersticken, das ist die einzige Lösung, so schlimm sie auch ist – entscheidet der Partisan.
- Ich kann das nicht… - flüstert die Mutter.
Und der Partisan greift nach dem Kind in ihrem Arm und erstickt es, indem er lange auf sein Näschen und seinen Mund drückt.

Grenzgänger-Projekt Oliva

Sebastian Wolter vom Verlag Voland & Quist sagte mir neulich, aus meinem Oliva-Blog würde nicht deutlich, dass ich eigentlich an einem Roman arbeite. Nun sage ich es ganz deutlich: Mit Hilfe des Grenzgänger-Stipendiums der Robert Bosch Stiftung bin ich in den letzten Monaten drei Mal nach Dalmatien/Kroatien und ein Mal nach Belgrad/Serbien gereist, demnächst reise ich nach Apulien/Italien. Ich beobachte, höre zu, notiere.

Insel Molat

Dass Blogs von häufigen Einträgen leben, weiß ich. Ich gelobe, mich zu bessern, vor allem, weil mir noch eine Reise bevorsteht: die nach Italien, wo ich nach Spuren von faschistischen (bis 1943) und antifaschistischen (nach 1943) Lagern suchen werde, über die weder in Italien noch in Kroatien gerne gesprochen wird.

Doch gerade neulich waren sie ein Thema in Kroatien, besser gesagt in der Stadt Zadar: Dort rief der Organisationsausschuss für die Feierlichkeiten zum 65. Jahrestags der Befreiung des italiensichen KZs Molat zu einem Vortrag und einer anschließenden Fahrt auf die Insel Molat auf, wo auf dem Friedhof den 1.000 Opfern des Lagers gedacht wurde. Die Medien haben außerhalb der Region kaum darauf reagiert, und die Klagen der wenigen Überlebenden, dass Kroatien das einzige Land sei, das seine Opfer des faschistischen Terrors nicht würdigt, waren zwar etwas pauschal, doch etwas Wahres haftet ihnen doch an. Am 8. 9. 1943 wurde die militärische Kapitulation des faschistischen Königreichs Italien verkündet.

Da bin ich wieder

Ich habe lange Zeit keinen Text ins Netz gestellt. Wahrscheinlich bin ich auch eine Grenzgängerin zwischen den Generationen: Mein Sohn sagt, dass ich zu den Dinos gehöre, was die PC- sowie die übrige Welt betrifft, ich jedoch bin stolz, dass ich einen Scanner und eine Digitalkamera bedienen kann - wenn auch etwas umständlich. Schuld an meinem Onlineschweigen aber ist Maja Pflüger, die mir in Leipzig auf der Buchmesse ein schönes Robert-Bosch-Moleskin-Notizbuch geschenkt hat, das mein Begleiter geworden ist. Ich glaube immer, wenn ich mich ihm anvertraut habe, dann ist das für den Tag genug, und dann schiebe ich immer wieder den Zeitpunkt hinaus, an dem ich meinen Blog aktualisieren werde. Das Notizbuch aber ist voll geworden, und Maja Pflüger treffe ich frühestens auf der Frankfurter Buchmesse wieder. Also zurück zu elektronischen Texten.

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