In Zagreb

Draußen erwartet mich Zagreb, merkwürdig still und wie eingeschlafen in der Mittagshitze. Die obere Stadt, „Gornji grad“, hat etwas Unwirkliches, mit all ihren schmalen Gassen, den vornehmen alten Häusern und verwunschenen Gärten... Mich hat es immer nach Rom, nach London, nach Berlin gezogen – aber kamen nicht ausgerechnet aus Italien die ersten Faschisten, die das Leben meiner Familie so grausam verändert und teilweise vernichtet haben, ist mein Großonkel Benjamin nicht durch britische Bomben gestorben, da die sorglosen Piloten ihn und seine Partisanen für Deutsche hielten, waren es nicht die Deutschen, die meine Großmutter ins KZ nach Belgrad gebracht haben und vor denen meine Tanten bis in die ägyptische Wüste fliehen mussten?

El Shatt, 3

Die Zeitung „Naš list“ verarbeitete Nachrichten, die Radio London gesendet hatte, es wurden auch andere Zeitschriften, Bilderbücher und Fiebeln in einer eigenen Druckerei gedruckt. Wandzeitungen brachten regelmäßig Nachrichten aus der Heimat, und die traurigsten Momente waren die, wenn jemand unter den Namen der Gefallenen und der Verstorbenen eine ihm nahe stehende Person entdeckt hatte. Die Nachrichten über den Tod von Flüchtlinge trafen wahrscheinlich genauso verzögert ein und riefen in der Heimat die gleiche Trauer hervor, aber meist hörten die voneinander getrennten Menschen wenig von ihren Nächsten, die auf der anderen Seite des Mittelmeers zurück geblieben waren. Auf dem Friedhof in El Shatt ruhen 856 Flüchtlinge, die nie mehr das dalmatinische blaue Meer sehen konnten. Meine Großmutter Oliva war in jener Zeit in einem Lager in Belgrad – sie muss sich oft gefragt haben, wie es wohl ihren beiden Töchtern in Afrika und ihrer ältesten Tochter, die zu Hause geblieben war, erging.

Ich bleibe lange vor den Fotos der Kinder stehen, versuche unter den lächelnden Gesichter der Mädchen mit weißen Schleifen im Haar meine Tanten zu erkennen, natürlich vergeblich, die Kinder sehen alle ähnlich aus. Am Ende kaufe ich den Katalog und verabschiede mich von den freundlichen Museumswächtern, immer noch die einzige Besucherin an diesem Vormittag.

Die Organisation des Alltags in El Shatt

Die dalmatinische Bevölkerung kam damals aus Angst vor den vorstoßenden deutschen Truppen bis nach El Shatt, jene Truppen, die nach der Kapitulation Italiens im September 1943 Dalmatien eingenommen hatten. Es waren vor allem Familienangehörige von Partisanenkämpfern aus Dalmatien und Zivilisten, die unter den Italienern gelitten hatten. Erste Zuflucht fanden sie auf den Inseln, vor allem auf der entferntesten Insel Vis, auf der auch die Führung des Partisanenkampfes residierte. Mit Hilfe der britischen Verbündeten wurden sie dann mit Schiffen nach Bari und dann weiter nach Ägypten verbracht – 39.000 Menschen waren auf der Flucht, bis nach Ägypten kamen ungefähr 28.000. Tagsüber war die Temperatur in der Wüste um 40° C, aber nachts fiel sie auf 5° C, was den Zeltbewohnern schwer zu Schaffen machte. Die Verpfelgung bestand aus Dosenkost, die die Allierten und die UNRRA schickten, aus selbst gebackenem Brot und aus etwas Obst, doch das größte Problem war das Wasser, das von einem Ärmel der Nils herbeigeschafft wurde. Viele Menschen, vor allem viele Kinder, starben.

Die Verwaltung des Flüchtlingslagers bemühte sich sehr, den britischen Oberverwaltern zu beweisen, dass die kommunistische Partei, die die Führung der Befreiungsbewegung in Jugoslawien übernommen hatte, im Stande war, einen Staat zu leiten. Das Flüchtlingslager in El Shatt sollte das im Kleinen demonstrieren, was dann im Großen nach der Befreiung von den Deutschen im Land selbst umgesetzt werden sollte. Es wurden Kindergärten und Schulen eingerichtet, Kurse für die Alphabetisierung der Landbevölkerung (vor allem viele Frauen konnten nicht Lesen und Schreiben), sowie Fremdsprachenkurse. Der bekannte Komponist Josip Hatze leitete einen großen Chor, es wurde Ballett geprobt, es gab Theater- und Sportgruppen, die fleißig übten und trainierten. Interessant ist auch, dass das religiöse Leben bestens organisiert war – die Kommunisten hatten noch nicht begonnen, die Religionen zu verfolgen. Mehrere katholische Priester, ein orthodoxer Priester und ein Rabbi kümmerten sich um die Gläubigen.

Schilder in der Ambualnte:
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Einleitung zum Kochen
Prirucnik-za-kuhanje-i-bestek

Wandzeitung:
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Pioniere in El Shatt:
Pioniri-u-El-Shattu

Gottesdienst in El Shatt
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Die Exponate

Über 900 Exponate hat die Autorin der Ausstellung und des Katalogs, Nataša Mataušić, in drei Einheiten zusammengefasst: die Entstehung des Flüchtlingslagers, die Organisation des Lebens im Flüchtlingslager und die Rückkehr in die Heimat. In einem der Räume laufen die britischen Filme The nine hundred und The Star and the Sand aus dem Jahr 1944, sowie der Dokumentarfilm Die Flucht 1943 – 1946 von Aleksandar F. Stasenko aus dem Jahr 1980. Fotos, Wandzeitungen, Schulhefte, Bilder und vor allem Gegenstände, die die fleißigen Hände der Flüchtlinge in vielen Werkstätten gefertigt haben – aus Seilen und Zeltstoff, aus alten Blechdosen oder aus Holzkisten.

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Aus diesen "Materialien" wurde unter anderem auch Spielzeug in den Werkstätten von El Shatt ausgearbeitet:

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Meine Tanten in El Shatt

Ich verabschiede mich von meinem Zagreber Freund, der verspricht mich abzuholen, ich solle ihm nur eine SMS schicken, wenn ich fertig sei. Ich schiebe das schwere Tor auf und gelange in den dunklen, von einem mächtigen Gewölbe überdachten Innenhof (eigentlich eine Art Atrium; Wikipedia: „Es gab in kleineren Häusern auch komplett überdachte Atrien ohne ein Compluvium. Dies wurde als atrium testudinatum bezeichnet“.). Ich weiß nicht viel über Atrien. Schade eigentlich.

Aus dem Lautsprecher zählt eine leise Stimme die Namen der Bewohner der Wüstenstadt El Shatt auf. Ich laufe die Treppe hinauf zur ersten Etage, und die freundlichen Mitarbeiter erklären mir den Weg, den ich gehen soll. Ich bin die einzige Besucherin an diesem Vormittag. Voller Ehrfurcht begebe ich mich in die Welt, über die bei uns zu Hause immer wieder arabische Märchen erzählt wurden – wie die Tanten im Sand gespielt haben und von „vermummten Schwarzen“ geklaut werden sollten, wie sie sich dann aber mutig schreiend und flüchtend gerettet haben, und wie der Großvater, der sonst seinen Stock vor allem zum Verprügeln von Biserka, der älteren Tante, benutzt hat, mit eben diesem Stock in Richtung der „Schwarzen“ herumfuchtelte, so dass diese ungeheuerlichen schwarzen Kinderdiebe einen Grund mehr hatten zu verschwinden. Die Geschichte war schaurig, und ihre Glaubwürdigkeit stand auf tönernen Füßen, aber sie wurde dennoch gerne erzählt.

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Kinder in El Shatt - Fotografiert in der Ausstellung

El Shatt, 2

Das Museum ist noch geschlossen, deshalb suchen wir ein Café in der Nähe und ich erzähle ihm, warum ich diese Ausstellung unbedingt sehen muss. In der Sinai-Wüste waren damals, zwischen 1944 und 1946, auch meine Tanten und ein Urgroßvater interniert, meine Mutter war in letzter Minute aus dem Boot geflohen, das sie zunächst auf die Insel Murter, dann auf die Insel Vis und dann in den italienischen Hafen Bari hätte bringen sollen. Von dort aus ging die Reise an das vorläufige Ende der Welt: die Ortschaft Santa Maria di Leuca, von wo aus die britischen Schiffe die kroatischen Flüchtlinge in die Wüste brachten. Die Zelte waren in El Shatt und El Khataba in Ägypten aufgebaut. Mehr als 28.000 Zivilisten vom kroatischen Küstenstreifen waren dort interniert – ich frage mich, misstrauisch wie ich bin, ob es sich dabei eventuell auch um einen Schachzug handelte, dieses Mal einen britischen. Die Briten wussten noch nicht, ob sie das Königreich Jugoslawien unter Führung des serbischen Königs Petar II. Karađorđević oder das sozialistische Jugoslawien unter der Führung des kroatischen Kommunisten Tito unterstützen sollten – wobei Tito wahrscheinlich der größere „Jugoslawe“ von beiden war.

El Shatt

Heute fliege ich ganz früh nach Zagreb. Im Flugzeug ist es sehr kalt, die Klimaanlage produziert einen eisigen Nebel im blitzsauberen Innenraum. Der Flug ist kurz, an dem vertrauten kleinen Flughafen von Zagreb wartet ein Freund, der mich zum Historischen Museum in der oberen Altstadt fahren wird. Aus der Ferne erblicken wir die Fassade des Museums mit einer riesigen sandfarbenen Fahne - mit einem roten Stern und mit weißen Buchstaben darunter: El Shatt.

Krafne und Mokka

Auch am nächsten Tag steht schon ab 10 Uhr die gnadenlose Sonne wie eine riesige Goldmünze im wolkenlosen Himmel. Um 9 Uhr bin ich schwimmen gegangen, und jetzt schleppe ich mich langsam an den Häuserwänden der engen Straße entlang, die zur Wohnung meiner Eltern führt. Unterwegs kaufe ich die berühmten Berliner („krafne“ – vielleicht sieht die Sonne einer dieser „krafne“ ähnlich?), die man hier zum Frühstück isst – ich habe keine Ahnung, wie diese Tradition entstanden ist. Meine Mutter wartet schon mit einem duftenden Mokka auf mich, den sie in einem roten Emailletöpfchen gekocht hat. Wir setzen uns auf ihre Loggia, schlürfen dne Mokka und essen die Berliner, gut gelaunt, allerdings schon jetzt über den Tag seufzend, der wieder heiß zu werden verspricht. Doch viel mehr als die Hitze beschäftigt uns der kroatische Alltag - ein gern besprochenes Thema beim Kaffeetrinken.

Meine Mutter schimpft ganz pauschal über alle Politiker, eine Gewohnheit, die in diesen Gegenden so normal ist wie die Gespräche über das Wetter in Großbritannien. Ich versuche, ihr etwas Kritik gegenüber Tito zu entlocken.
- Ja, ja, er ist schon seit langer Zeit tot, aber in Bosnien wird er verehrt, das verstehe ich überhaupt nicht, sage ich und nippe an meinem durchaus bosnisch anmutenden Mokka.
- Kein Wunder, sagt meine Mutter, es ging den Menschen ja besser damals, ihre Politiker heute sind die gleichen Taugenichtse wie bei uns.
- Meinst Du nicht, dass Tito eine viel problematischere Gestalt ist als die Politiker heute, über die du so schimpfst, und die sich so ungeschickt um etwas bemühen, was ihnen wie Demokratie vorkommt?
Sie versteht mich nicht, zündet sich eine Zigarette und sieht mich misstrauisch an.
- Von wegen Demokratie, sagt sie schließlich resolut. Das ist nur eine Ausrede. Deine Urgroßmutter hat an Tito geglaubt, sie hat ihm eigenhändig eine Flasche „Travarica“ geschenkt und ihn als großen Sohn des Volkes gelobt - bei einem Mittagessen in Split. Sie ist dort in ihrer schwarz-weiß-gelben Tracht aus Vodice erschienen, als Mutter eines gefallenen Kriegshelden.
- Mama, wieso verstehst Du nicht, dass das eine Manipulation mit den Müttern der Gefallenen war?
- Ich verstehe alles. Mit den kleinen Leuten wird immer herummanipuliert. Aber deine Urgroßmutter war eine große Frau. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als an die Ziele der Revolution zu glauben. Sonst wären ja alle Opfer umsonst gewesen, damit hätte sie nicht leben können.
Nun verstehe ich sie nicht, und wir essen schweigend unsere Berliner weiter.

Immer noch über die Zeitungen

Eigentlich wollte ich in der Bibliothek nach Zeitungen aus dem Zweiten Weltkrieg und aus der Zeit nach 1945 suchen. Doch das vertage ich auf morgen. Die heutigen Zeitungen würden jeden entmutigen, der sich daraus irgendeine Erkenntnis verspricht. Außer der soziologischen Feststellung, dass es offensichtlich Menschen in Kroatien gibt, die diesen Schrott lesen, ergibt sich daraus nichts Verwendbares. Ober besser gesagt - alles ist verwendbar für einen Roman im Stil von Gerald’s Party von Robert Coover. Ich möchte aber einen Roman schreiben, in dem die Würde der schwer arbeitenden Frauen aus meiner Familie, die im Zweiten Weltkrieg zu Opfern wurden, gewahrt bleibt. Obwohl mir der ziemlich verrückte Coover sehr gut gefällt, ist es mir doch unmöglich ihn nachzuahmen.

Die neue Öffentlichkeit

Es ist heiß, und eine grindige Katze mit glanzlosem Fell versteckt sich unter dem grauen Müllcontainer aus dem es nicht einmal stinkt, so erglüht ist alles. Alle guten Absichten, die ich bezüglich meiner Recherchen in der örtlichen Bibliothek hatte, haben sich in dieser zitternden Glut aufgelöst. Die Bibliothek ist alt, es wird dort keine Klimaanlage geben. Ich bleibe auf der Terrasse sitzen und blättere in der Zeitung.

Die kroatischen Zeitungen bringen durchweg Katastrophen aus dem Familienleben der lokalen Bevölkerung (Mord und Totschlag), Skandale aus dem Leben bekannter Popsängerinnen (sie lassen sich gerne in Pornovideos aufnehmen, oder sie werden von ihren Liebhabern geschlagen, worüber dann beide mit den Journalisten plaudern) und riesige Fotos der jüngsten Verkehrsunfälle. Die Nachrichten aus der Welt werden auf Kuriositäten reduziert (ein Mann in Indien mit 6 Fingern, der von seiner Frau verlassen wurde, oder ein Hund in den USA mit transplantierter Niere, der sich im Tierhospital mit einem kleinen Löwen angefreundet hat. Dem kleinen Löwen wurde eine Zahnfüllung verpasst – er hatte Karies, da er sich von Süßigkeiten ernährt hat), die Innenpolitik ist ein einziger Skandal, die Vermengung der Aktivitäten der Mafia und der „angesehenen“ Geschäftsleute und Politker ist enorm, die anständigen Menschen schweigen. Das Papier der Zeitungen ist schlecht und hinterlässt schwarze Farbe auf den verschwitzten Fingern.

Salz

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Die Tanten und der laute Onkel haben sich für das Treffen mit mir vorbereitet, sie haben sich Notizen gemacht, sie haben Fotos zusammengesammelt, der Onkel eine Reihe eigener Fotos aus der Zeit, als er ein junger Partisan war, die ältere Tante die traurigen Fotos mit ihren Brüdern. Die jüngere hat auch versucht, sich Notizen zu machen, aber sie ist zu unruhig dafür, frag mich nur nach allem, sagt sie, dann erzähle ich es dir schon. Der Onkel sagt, er hätte Gedichte und Erzählungen geschrieben, er würde sie mir alle geben, alles sei in einem schwarzen Koffer verstaut.
Aber sie erzählen chaotisch, ich fülle mein schönes Moleskine-Notizbuch, das ich von der Robert Bosch Stiftung bekommen habe, mit Aufzeichnungen, bringe aber schon beim Schreiben alles durcheinander, ich kann die drei Frauen von Ive Čače nicht auseinander halten und all ihre Kinder. Eine der vielen Episoden betrifft einen armen Arbeiter aus Zagreb. Der hatte mit einer Partisaneneinheit in einem Dorf gewohnt, die Bauern hatten die Partisanen bekocht. Es gab kein Salz, so dass eine alte Bäuerin den Arbeiter fragte, ob er ihr etwas Salz aus Primorje mitbringen könnte. Sie gab ihm Geld, doch er kam zurück – ohne Geld und ohne Salz. Was hat er mit dem Geld getan? Das hat man nie erfahren. Um Strenge und Gerechtigkeit zu demonstrieren, erschossen ihn seine Kameraden vor den Augen der versammelten Bauern…

Der Roman Oliva

Es soll ein Roman werden, der folgende Ebenen beinhaltet:
• oral history, die Erinnerungen meiner älteren und jüngeren Verwandten und Bekannten, die ich in Dalmatien zusammen getragen habe, um die Geschichte meiner Familie mütterlicherseits zu rekonstruieren
• meine Überlegungen über diese Erinnerungen
• meine Reiseeindrücke zu diesen touristisch extrem belasteten Regionen (Dalmatien, Apulien)
• Geschichten, die sich mir nach der Lektüre bestimmter historischer Werke erschlossen haben, wie eben diese Geschichte über das getötete Kind, die ich sowohl in einem ziemlich schrecklich geschriebenen Erinnerungsbuch eines Partisanenkommandanten gelesen wie auch von meiner Tante Nera gehört habe.

Wie verbindet man diese Ebenen in einem Roman? Diese Frage stelle ich mir andauernd und probiere jede Woche ein anderes Szenario aus. Einmal soll es ein Erlebnisbericht werden wie die Beschreibung der Kreuzfahrt durch die Karibik von David Foster Wallace (das betrifft natürlich vor allem die Tourismuskritik), ein anderes Mal möchte ich einen spannenden Aktionsroman rund um die große Liebe zwischen meinen Großeltern schreiben (dieses wäre weitgehend gelogen, aber romatisch), dann wieder soll es die Biographie meiner schönen Tante Nera werden. Auf diesem Foto, das ich im Sommer aufgenommen habe, ist sie besonders schön, finde ich.

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Higgs-Teilchen

Nun soll der Teilchenbeschleuniger im Forschungszentrum CERN helfen, die Higgs-Teilchen zu finden: „Inzwischen wissen wir fast alles über dieses Higgs-Teilchen – nur nicht, ob es existiert“, sagt dazu Professor Rolf-Dieter Heuer. Und so geht es auch mir – inzwischen weiß ich sehr viel über den Zweiten Weltkrieg in Dalmatien, nur nichts darüber, was eigentlich die Zeit ist. Und die Zeit hat alles in Vergangenheit verwandelt. Aber ob die Vergangenheit existiert? Und vor allem: in welcher Form? Hat sie eine Masse, um bei der Sprache der Physik zu bleiben. Oder besteht sie nur aus luftigen Fetzen von Erinnerungen und Worten, die heute nichts mehr bedeuten?

Die Geschichten, die noch zu finden sind

Ich suche, ohne genau zu wissen, was zu finden ist. Bisher habe ich viele Geschichten und vor allem ein vages Gefühl gefunden, das Gefühl, dass alle Ideen von einer Weltordnung blind sind, ob groß und klein, ob hell und düster, ob optimistisch oder zerstörerisch, ob von kleinen Leuten formuliert oder von Philosophen beschrieben. In einer der Geschichten, die ich gefunden habe, hocken verschrockene Zivilisten zwei Tage lang in einem Versteck, während italienische Faschisten nach ihnen suchen. Am zweiten Tag beginnt ein hungriges, zehn Monate altes Baby zu weinen. Alle Versuche der Mutter, das Kind zu beruhigen, helfen nichts, da sie keine Milch in ihren Brüsten hat, weil sie selbst hungrig und verzweifelt ist.
- Bring das Kind zum Schweigen – zischt ihr einer der Partisanen zu, der die Zivilisten beschützen soll.
- Es geht nicht – sagt die verzweifelte Mutter. – Ich gehe hinaus, egal was mit mir geschieht, dann seid ihr anderen wenigstens sicher.
- Nein, das geht nicht! Du bist eine schwache Frau, wenn sie dich erwischen, wirst du womöglich unser Versteck verraten. Du musst das Kind ersticken, das ist die einzige Lösung, so schlimm sie auch ist – entscheidet der Partisan.
- Ich kann das nicht… - flüstert die Mutter.
Und der Partisan greift nach dem Kind in ihrem Arm und erstickt es, indem er lange auf sein Näschen und seinen Mund drückt.

Grenzgänger-Projekt Oliva

Sebastian Wolter vom Verlag Voland & Quist sagte mir neulich, aus meinem Oliva-Blog würde nicht deutlich, dass ich eigentlich an einem Roman arbeite. Nun sage ich es ganz deutlich: Mit Hilfe des Grenzgänger-Stipendiums der Robert Bosch Stiftung bin ich in den letzten Monaten drei Mal nach Dalmatien/Kroatien und ein Mal nach Belgrad/Serbien gereist, demnächst reise ich nach Apulien/Italien. Ich beobachte, höre zu, notiere.

Insel Molat

Dass Blogs von häufigen Einträgen leben, weiß ich. Ich gelobe, mich zu bessern, vor allem, weil mir noch eine Reise bevorsteht: die nach Italien, wo ich nach Spuren von faschistischen (bis 1943) und antifaschistischen (nach 1943) Lagern suchen werde, über die weder in Italien noch in Kroatien gerne gesprochen wird.

Doch gerade neulich waren sie ein Thema in Kroatien, besser gesagt in der Stadt Zadar: Dort rief der Organisationsausschuss für die Feierlichkeiten zum 65. Jahrestags der Befreiung des italiensichen KZs Molat zu einem Vortrag und einer anschließenden Fahrt auf die Insel Molat auf, wo auf dem Friedhof den 1.000 Opfern des Lagers gedacht wurde. Die Medien haben außerhalb der Region kaum darauf reagiert, und die Klagen der wenigen Überlebenden, dass Kroatien das einzige Land sei, das seine Opfer des faschistischen Terrors nicht würdigt, waren zwar etwas pauschal, doch etwas Wahres haftet ihnen doch an. Am 8. 9. 1943 wurde die militärische Kapitulation des faschistischen Königreichs Italien verkündet.

Da bin ich wieder

Ich habe lange Zeit keinen Text ins Netz gestellt. Wahrscheinlich bin ich auch eine Grenzgängerin zwischen den Generationen: Mein Sohn sagt, dass ich zu den Dinos gehöre, was die PC- sowie die übrige Welt betrifft, ich jedoch bin stolz, dass ich einen Scanner und eine Digitalkamera bedienen kann - wenn auch etwas umständlich. Schuld an meinem Onlineschweigen aber ist Maja Pflüger, die mir in Leipzig auf der Buchmesse ein schönes Robert-Bosch-Moleskin-Notizbuch geschenkt hat, das mein Begleiter geworden ist. Ich glaube immer, wenn ich mich ihm anvertraut habe, dann ist das für den Tag genug, und dann schiebe ich immer wieder den Zeitpunkt hinaus, an dem ich meinen Blog aktualisieren werde. Das Notizbuch aber ist voll geworden, und Maja Pflüger treffe ich frühestens auf der Frankfurter Buchmesse wieder. Also zurück zu elektronischen Texten.

Requiem für eine romantische Frau

Auch Die Geschichte von Auguste Bußmann und Clemens Brentano hat Enzensberger als einen dokumentarischen Roman zusammngefügt und mit einer wunderbaren "Nachrede" versehen. Die ganze Nacht habe ich dieses Buch gelesen, dabei wollte ich eigentlich schreiben. Es ist immer das gleiche Problem mit dem Lesen. Es sieht so aus, dass Auguste Bußmann wie ein weiblicher und realer Don Quijote vom vielen Lesen "den gesunden Verstand" verloren hat.

Diese Collagen-Technik könnte ich anwenden, wenn ich mehr schriftliche Dokumente hätte. Ich habe aber vor allem wage mündliche Berichte und sehr unbeholfene Texte, die ich noch genauer untersuchen muss.

Auguste Bußmann wollte das leben, worüber andere geschrieben haben. Es war so viel Sehnsucht in ihr.

Mein Bild der Sehnusucht:
Seget-Vranjica-das-Meer

Der kurze Sommer der Anarchie

Zwei "Grenzgänger"-Autoren kenne ich, beide sind erstaunlich wenig eitel und erstaunlich hilfsbereit: György Dalos und Marica Bodrožić. Beide haben mir schon so oft mit ihren Ratschlägen geholfen - vor einigen Tagen riet mir György, den Roman von Hans Magnus Enzensberger Der kurze Sommer der Anarchie zu lesen, da ich nach einem Modus suche, die wenigen Fakten, die Zeugenberichte und meine eigenen Gedanken zu verbinden. Seit gestern lese ich über das Leben und den Tod von Buenaventura Durrutis. Die politischen Widersprüche des jugoslawischen Partisanenkampfes - um desto deutlicher sichtbar, je mehr ich begreife, dass das ganze Land eine Riesenlüge war - das verzerrte Bild "der Kroaten" als gemeinen Kollaboteure, das sich hartnäckig sogar in Kroatien selbst hält, und die erschütternde Geschichte meiner Familie aus Vodice, durch die eine goldene, glänzende Spur aus Olivenöl führt ("Olivenöl hat uns vom Verhungern gerettet"), kann man wahrscheinlich nur mittels einer vergleichbaren Collage darstellen.

Leon

Mein kleiner Sohn, der einige dieser Blog-Fotos in Dalmatien aufgenommen hat, wollte gestern alles über unsere Familie aus Vodice wissen, und je mehr ich erzählte, desto trauriger wurde er. Vor allem das Schicksal von Branko (oben in der Kopfzeile des Blogs mit seiner Schwester Nera abgebildet), der mit 18 im Kampf gegen die deutschen Besatzer umgekommen ist, sowie seines Halbbruders Bino, dessen Mutter Elvira von den italienischen Faschisten erschossen wurde, weil ihr Mann Benjamin (der am Ende des Krieges irrtümlich von den Briten getötet wurde) ein Partisanenführer war, beunruhigte ihn sehr. Ich versuchte behutsam und sachlich mit dem Thema umzugehen, doch seine Fragen nach warum und vor allem nach den Gefühlen (wie fühlte sich Tante Nera als sie vom Tod ihres Bruders erfuhr?) konnte ich schlecht beantworten. Die Sprachlosigkeit vor den Gefühlen - wie soll man mit ihr literarisch umgehen?

Die Opfer

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Ein Denkmal für die Opfer des Faschismus und für die Gefallene im 2. Weltkrieg steht mitten in Vodice. Mir gefällt die bunte Umgebung nicht, diese touristisch schillernde brave new world. Auch der Denkmal gefällt mir nicht, die Blume/die erhobene Faust neben allen diesen Eisdielen sieht aus wie ein Rieseneis.

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Die Lügen

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Meinen deutschen Freunden kann ich nicht gut erklären, was eigentlich das Hauptproblem mit dem Land namens Jugoslawien war. Das Hauptproblem war, dass das Land auf sehr vielen Lügen aufgebaut war. Auf dem Foto, das mir mein Onkel gegeben hat, sind eine "Kroatin" und eine "Serbin" aus Holz zu sehen. Die Riesenfiguren wurden 1945 auf dem Hauptplatz in Zagreb ausgestellt - durch diesen Triumphbogen sollten die Partisanen in die Stadt einmarschieren und von den Figuren begrüßt werden. In Manier der Volkslieder sind ihre Kleider mit folgenden Versen bedruckt: "Genosse Tito, wir schwören Dir, von Deinem Weg nicht abzukommen", "Es gibt keine bessere Blumen als den Flieder und keine besseren Krieger als die Partisanen" und - als Krönung und in kyrillischen Buchstaben geschrieben - "Wertvoller als Silber oder Gold ist die Eintracht der Serben und Kroaten".

Doch die erste Lüge besteht schon darin, diese folkloristisch anmutenden Figuren mitten in die bürgerlichste aller jugoslawischen Städte zu stellen. Die Folklore war als Grundlage der jugoslawischen Ideologie eine der wichtigsten Lügen überhaupt, die übrigens auch zum Sympathieträger für Jugoslawien im Ausland wurde. Es fällt mir schwer, vor allem den wohwollenden, progressiven (häufig links sozialisierten) deutschen Bekannten und Freunden zu erklären, dass ich nie viel für Folklore übrig hatte, diese aber eine der Grundsäulen war, auf denen Jugoslawien aufgebaut wurde. Die Folklore sollte identitätsstiftend wirken und als Ersatz für die proletarischen Schichten dienen, die es einfach nicht hinreichend gab, um den Kommunismus aufzubauen. Vor allem aber sollte sie die Individualität der bürgerlichen Gesellschaft durch den Kollektivismus der folkloristischen, patriarchalischen Gesellschaft ersetzen. Und dafür konnte ich einfach nie viel Interesse aufbringen. Ich kannte damals eigentlich niemanden, den das interessierte.

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