Abschied von Vodice

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Ich verabschiede mich von Vodice. Ich habe noch einmal hier Geschichten gesammelt, viele aufgeschrieben, andere vergessen. Sie fließen alle in eine Geschichte ein.

Im unglaublichen touristischen Trubel dieses Ortes bleiben erschreckend wenige vor dem Denkmal in Form eines Eises stehen, um die Namen der Gefallenen zu lesen, darunter auch die meiner Verwandten.

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In der glühenden Hitze sitze ich neben dem Denkmal und versuche ihre Geschichte einfach zu spüren. Die Wüste in El Shatt, die Dürre auf Molat, die Hitze auf dem Feld des Ziegelwerks in Belgrad, auf dem meine Großmutter Oliva als Zwangsarbeiterin eingesetzt war – alle Szenen aus der Geschichte meiner Familie mütterlicherseits scheinen in einem gleißenden Licht zu stehen, in einer verstaubten, vertrockneten Umgebung, nur die Körper sind von klebrigem Schweiß überzogen. Dieser dickflüssige, gelatineartige Schweiß und diese erbarmungslose Hitze sind jene Wahrnehmungen, die mich seit Jahren verfolgen und sich in meinem Kopf in Worte formen wollen, so wie andere den Duft ihrer Truhen mit der Leinenwäsche, ihrer Bibliotheken oder ihrer großstädtischen Kinderzimmer in sich tragen. Glitzernd, goldgelb und dickflüssig ist auch der heilige Saft der Oliven, jene Flüssigkeit, mit der das Leben am Mittelmeer beginnt und endet.

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Oliva

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Ich habe dieses Foto des heiligen Baums in Matera aufgenommen, jenem magischen Ort, vor dem Christus stehen geblieben ist, weiter als nach Eboli war er damals nicht gekommen, behauptet Levi. Ich hätte auch die Olivenhaine meiner Familie aufnehmen können. Ein Onkel von mir, dessen Foto auf einem Motorrad in Partisanenuniform ich in diesem Blog veröffentlicht habe, hat eine "Ode an die Olive" geschrieben, ein sehr schönes Gedicht, in dem er der Olive sagt, sie sei bei der Geburt dabei, da das Baby mit ihrem Öl gesäubert werde, und sie sei bei der letzten Salbung dabei, von der Wiege bis zur Bahre begleitet die heilige Pflanze den Menschen am Mittelmeer. Das Öl leuchtete durch Jahrhunderte in den Lampen und ernährte die Armen. "Den Frauen wird dein schöner Name gegeben / um dich zu ehren, Olive", dichtet er. Meine Großmutter bekam auch diesen Namen. Auch ich habe ein Gedicht geschrieben, in dem die goldene Spur des Olivenöls vorkommt:

Hunger


Die Schüssel bis zum Rand gefüllt
mit dem goldenen Meer
aus Stockfischsuppe

Weiße Kartoffelwürfel sind die Inseln

Mutter
deine schlaffe Hand drückt die Zigarette
neben dem Stück Brot aus

Durch das geschliffene Glas
erblicke ich mein Gesicht
im honigfarbenen Prošek

Großvater
die Fischgräten glitzern geheimnisvoll
in deinem Teller

Eine Tante erzählt die alte Geschichte
in der dünner Maisbrei, zwei-drei Tropfen Olivenöl
und der zweite Weltkrieg vorkommen

Und die andere sagt:
Ihr habt mir immer die getrockneten Feigen geklaut,
die ich mir aufbewahren wollte


Meine Mutter ist nach eigenen Angaben dem Hungertod im Zweiten Weltkrieg dank dem Olivenöl entgangen, und bis heute ist ihre Leibspeise eine Hand voll Maismehl in ein wenig Salzwasser aufgekocht und mit einigen Tropfen Olivenöl abgeschmeckt.

Es ist jetzt in Deutschland, Österreich, Schweden und sogar in England modern geworden, mit Olivenöl zu kochen. Es passiert mir, dass mich meine deutschen Freunde über die gesundheitlichen Vorzüge des Olivenöls aufklären. Ich verschweige dann, dass meine Tante mir beigebracht hat, mich mit Olivenöl einzureiben, um keinen Sonnenbrand zu bekommen – das funktionierte ausgezeichnet, aber die Touristen vertrauten damals wie heute mehr ihrer eigenen chemischen Industrie. Wir kamen uns allerdings arm und (wie auch sonst) barbarisch vor, als wir unsere mit einfachen Korken verstopften klebrigen Fläschchen auspackten und uns mit dem Öl einschmierten, so dass wir nach gegrilltem Fisch rochen. Meine Tante, die jüngste der drei Schwestern, konnte darüber laut lachen, aber es war ihr auch ein wenig unangenehm nach Fisch zu riechen. Natürlich liebäugelten wir mit den NIVEA-Flaschen der Strandnachbarinnen, die außerdem viel schönere Bikinis hatten als wir. Nun, heute weiß ich es besser. Wenn die Touristen auf mich und meine Tante Viola hören würden, dann blieben die Ergebnisse im Urlaub nicht aus. Die Haut würde nicht nur braun, sondern auch geschmeidig und glatt. Oder sie würden sich der Sonne erst gar nicht aussetzen. Meine Großmutter würde das Einreiben mit dem Olivenöl, aber keinesfalls Sonnenbäder empfehlen, sie wollte seit 1946 keine Sonne mehr sehen und hatte bis zu ihrem Tod 1993 eine makellose weiße Haut, die sich weich und samten über ihren schweren Körper spannte und die auch ihre schönen Waden zierte.

Die Kapern

Kapern

Eine der Inseln in diesem Archipel heißt Kaprije - weil an ihren Mauern besonders viele Kapern wachsen. Die Touristen, die diese Kapern auf ihren Pizze vorfinden, wissen meist nicht, dass diese Pflanzen würzige kleine Früchte tragen, und betrachten sie vielleicht als Unkraut, das aus den Mauern hervorsprießt.

Die Frauen

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Es gab Tage, an denen meine Großmutter Oliva, die sonst immer depressiv im Haus lag, abends einen Stuhl auf die Straße vor dem Haus stellte, so wie es Brauch in dieser Gegend war, denn vor jedem Haus saßen damals abends die Bewohner auf der Straße und unterhielten sich, kommentierten die Vorbeigehenden und verwickelten sich mit ihnen in lebhafte Gespräche. Die Frauen zeigten dabei demonstrativ, dass sie gut erzogen sind, indem sie nicht einfach müßig herumsaßen, sondern auch im Sitzen arbeiteten. Sie strickten oder stickten, aber vor allem häkelten sie Tischdecken, Deckchen, Gardinen und Bettüberwürfe, während die Männer in solchen Straßenrunden meist an einen Gehstock gelehnt ihre wohl verdiente Ruhe genossen, denn es war irgendwie klar, dass die Männer es immer schwerer haben, ihre Erziehung verlangte nicht nach einer wie auch immer gearteten Demonstration des Fleißes. Meine Großmutter lag den ganzen Tag auf ihrer Ottomane, und deshalb häkelte sie schneller und andächtiger als ihre Nachbarinnen, so dass jede ihrer drei Töchter, ihre Nichte Bianka, sowie alle fünf Enkelinnen eine Ausstattung aus gehäkelten Schätzen bekamen, mit der sie ein Schloss hätten schmücken können, während diese preziösen Handarbeiten in ihren Wohnungen eher grotesk anmuteten. Langsam verschwanden sie in den Truhen und Schränken. Auch ich habe Tonnen von dieser Garnware bekommen, die ich bei vielen Umzügen immer brav eingepackt habe, und auch heute weiß ich nicht so recht, was ich damit anstellen soll.

Die Damen, die ich in diesem Sommer auf der Insel Prvić fotografiert habe, scheinen die Klagen ihrer Töchter und Enkelinnen ernst zu nehmen, so dass sie nicht mehr häkeln, was ihre Abende sicher etwas langweiliger macht.

Die Insel der Tüftler und Bastler

Die Fischer zeigten enorme Geschicklichkeit bei der Entschärfung der Minen und beim Zusammenbasteln eigener Sprengstoffkonstruktionen. Die Italiener waren sehr verärgert, sie legten immer neue Minen im Wasser aus, und die Fischer, die hier in der Gegend auf ihrem Terrain waren, fischten sie wieder heraus. Sie bewegten sich flink mit einem Bootstyp namens "gajeta", in dem man im Stehen ruderte und der ein ganz typisches Segel hatte, so wie diese, die wir im Sommer unweit von Vodice gesehen haben:

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Die Boote wurden in kaum 10 Minuten versenkt und auf diese Weise versteckt, und in 15 Minuten waren sie wieder startbereit. Die Minen wurden von den Italienern gelegt, um zu verhindern, dass die Schiffe der Alliierten an die Küste gelangen konnten, so war die Arbeit der "mineri" von doppelter Bedeutung - man fügte dem Feind Schäden zu und versorgte sich selbst mit Sprengstoff.

Da die Inseln keinen Autoverkehr haben und die Straßen sehr eng sind, habe ich dort viele kleine selbstgebastelte Trecker gesehen:

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Interessant ist, dass auf der Insel Prvić ein großer kroatischer Philosoph, Humanist, Lexikograph und Erfinder aus dem 16. Jahrhundert, Faust Vrančić, der in Šibenik geboren wurde, sein Sommerhaus hatte. Auf eigenen Wunsch wurde er auf der Insel Prvić begraben. Dieser geniale Mann hat unter anderem einen Fallschirm konstruiert, mit dem er am Anfang des 17. Jahrhunderts zur Probe von einem Turm in Venedig gesprungen ist. Ihm zu Ehren gibt es auf der Insel ein kleines Museum, vor dem ein Modell seines Fallschirms aufgebaut ist:

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Der Eingang in das Sommerhaus:

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Eine Begegnung vor dem Denkmal

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Während wir die Namen der Gefallenen lasen, kam ein Mann auf uns zu. Meine Cousine und ich grüßten, und er fragte uns sogleich, ob wir uns für die Geschichte der "Mineri" interessierten und für die anderen Gefallenen von dieser Insel. Wir bejahten und er wurde lebhaft, er zeigte uns auf dem Denkmal die Namen zweier Brüder, die gemeinsam umgekommen waren, ihr Vater kurz nach ihnen, er erzählte uns von der Jugend der Insel, die damals dem Ruf gefolgt war, gegen die Italiener zu kämpfen, sowie über die Rachezüge der Italiener.

Ich sagte ihm: "Das ist hier aber alles sehr schön und gut erhalten, es gibt auch viele Orte in Kroatien, wo heute solche Denkmäler nicht mehr gerne gesehen werden" - denn die fehlende objektive Historiographie hat m. E. in Kroatien, genauso wie in allen anderen Ländern des ehemaligen Jugoslawien, zu einer totalen Verwirrung geführt. Einerseits ist es völlig klar, dass die kommunistischen Historiker die Geschichte nach ihren eigenen ideologischen Richtlinien geschrieben haben, so dass man ihre Behauptungen auf den Prüfstand stellen muss, andererseits ist es unumstritten, dass die Kommunisten mit Tito an der Spitze sich als Anführer des gesamten Widerstands im 2. Weltkrieg durchgesetzt haben (denn es gab auch viele Widerstandskämpfer, die keine Kommunisten waren, sondern Anhänger anderer Parteien oder auch Parteilose). So haben in der jüngsten Geschichte viele Menschen das Verschwinden einer undemokratischen und ideologischen Struktur derart gefeiert, dass sie diese verteufelt haben, womit sie sich manchmal scheinbar und manchmal bewusst auf die andere Seite schlugen, die aber von der Kollaboration und vom Faschismus geprägt ist. Viele andere schweigen lieber, denn es ist unpopulär, die Kommunisten zu loben - mit ihnen ist nicht nur der Widerstand im 2. Weltkrieg, sondern auch die Verfolgung der Andersdenkenden in den Jahren nach dem Krieg verbunden.

Auch hier ist freilich Vorsicht vor voreiligen Schlüssen geboten, denn nicht jeder Antikommunismus ist sofort mit Faschismus gleichzusetzen - was im demokratischen Westeuropa selbstverständlich ist, ist hier im Süden noch immer von schärfsten Konfrontationen gekennzeichnet, die vor allem von Emotionen, Ressentiments und Vorurteilen geprägt sind. Eine komplexe Situation, gewiss, die aber nüchterne und um Objektivität bemühte Wissenschaftler und nicht erfolgsorientierte Politiker und Journalisten braucht, damit eine Klärung herbeigeführt werden kann. Es würde auch einer europäischen Solidarität bedürfen, die die antifaschistische Vergangenheit Kroatiens besser erkennen und anerkennen müsste, um die Verunsicherung gegenüber der eigenen Vergangenheit, die im Land herrscht, zu verringern.

Auf jeden Fall antwortete mir der freundliche Mann mit gesenkter Stimme: "Es gibt auch hier vereinzelt Jugendliche, die das hier im Namen Kroatiens nicht gerne sehen, aber sie sind dumm, denn es hätte kein Kroatien gegeben, wenn diese Männer und Frauen damals nicht gegen Italiener und Deutsche gekämpft hätten." Womit er vermutlich Recht hat...

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Die ersten beiden Bilder im Beitrag "Zwei Ufer, ein Meer - kann man die Ufer hier erkennen?" zeigen die Insel Prvić, die Vodice gegenüber liegt. Angeblich war es ein beliebter Zeitvertreib für die Jugendlichen von Vodice, nach Prvić zu schwimmen, und umgekehrt, für jene von der Insel ans Festland. Da viele Männer vor dem 2. Weltkrieg in Australien und Amerika waren - ähnlich wie damals in Lukanien, wo Carlo Levi beobachtet hat, dass in allen Bauernhäusern je ein Bild von der Madonna und von Roosevelt hing - und nach dem 2. Weltkrieg tot waren, ruderten die Frauen von Prvić nach Vodice, um dort ihre Felder zu bearbeiten. Außer von ein wenig Ackerbau haben die Bewohner vor allem vom Fischfang gelebt. Die Insel gehört zu einer Gruppe, die zwischen Šibenik und Vodice liegt und die sich an die berühmte Inselgruppe der Kornati anschließt. Im 2. Weltkrieg legten die Italiener Minen um die Inseln - und die Partisanen organisierten die Fischer, um diese Minen zu bergen. Der Sprengstoff, der so gewonnen wurde, wurde dann ans Festland gebracht und von dort aus überallhin ins Landesinnere - bis nach Bosnien. Daraus bauten die berühmten jugoslawischen Diversanten ihre Minen, die sie auf die Eisenbahnschienen legten, um deutsche Transporte zu verhindern. Man nannte sie "Mineri" und sobald man auf Prvić - einer wunderschönen Insel - ankommt, sieht man ein Denkmal, das für sie errichtet wurde.

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Zwei Ufer, ein Meer - kann man die Ufer hier erkennen?

Die Ähnlichkeiten zwischen Italien und Kroatien sind sehr groß, vor allem hier im Süden an der Adriaküste Italiens glaubt man manchmal, man wäre in Dalmatien. Oder kann man mit Sicherheit sagen, wo diese Bilder aufgenommen wurden?

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Der tote Mann in Triest

Ich weiß, der Titel dieses Beitrags hört sich wie der Titel eines Krimis an.

Auf den Leidensweg Molat-Bagni Caldi-Fraschette di Alatri hatten die Italiener auch "die arme Tante Mare" mitgenommen. Ihren Sohn hatten "die Eigenen" erschossen, die Partisanen, weil er sich einmal beschwert hatte, dass die Kommandeure das wenige Essen, was die Frauen in die Karsthöhlen der Kämpfer brachten, an sich rissen, und die anderen Kämpfer hungrig blieben. Darüber durfte niemand sprechen, aber in den letzten Jahren kamen auch solche Geschichten zum Vorschein, und so habe ich davon bei meinen Recherchen erfahren. Ihr Mann hat Bittbriefe an Behörden geschickt, in denen er bat, dass man sie und Nera entlassen möge, Mare, weil der Sohn schon tot war (wie er umgekommen ist, wusste er vermutlich noch nicht), und Nera, weil sie jung und krank war. Seine Bitten wurden in Rom erhört, und so kamen die beiden frei, während die Urgroßmutter bleiben musste. Von Rom bis nach Triest schlugen sich die beiden Frauen durch, ohne dass sie berichten hätten können, wie sie es geschafft hatten. In Triest angekommen, schlossen sie sich einer Gruppe von Kroaten an, die - wie auch sie - aus verschiedenen italienischen Gefängnissen oder Lagern entlassen worden waren. Sie bettelten an den Türen um Essen und bekamen auch etwas, denn die Mehrheit der Italiener war auch sonst voller Mitgefühl, wie meine Tante Nera immer betont. Doch natürlich hatte niemand sie zum Übernachten eingeladen, und so schlichen sie in ein Wohnhaus und versteckten sich im Keller, wo sie auf dem Beton schliefen. Die Gruppe bestand aus lauter Frauen und einem Mann. Dieser Mann war sehr ausgehungert und schlug sich beim Betteln an den Türen den Magen voll - was für ihn tragische Folgen hatte. Die ganze Nacht stöhnte er wegen der Bauchschmerzen, aber die Frauen konnten ihm nicht helfen. Als er still wurde, schliefen auch die Frauen in der Dunkelheit ein. Am nächsten Morgen war der Mann tot. Die Frauen verließen erschrocken den Keller und verschwanden, denn sie kamen natürlich nicht auf die Idee, die Behörden zu benachrichtigen. Nera und Mare haben den armen toten Mann nie vergessen, der in einem Keller in Triest seine letzte Ruhestätte fand.

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Aus dem Lager auf der Insel Molat, in dem unmenschliche Verhältnisse herrschten, gelangten Tante Nera und Urgroßmutter Luiđa mit einer weiteren Gruppe von Frauen aufgrund einer Intervention des Roten Kreuzes in die Region Bagni di Lucca. Ein Grund für diese plötzliche Wohltat wurde ihnen nicht genannt. Nera war schwer lungenkrank, eine andere Frau hatte auf der Insel Molat entbunden, und ihr Baby war - wie viele andere Kleinkinder auch - gestorben. War es eine Gruppe, die ausgewählt wurde, weil es diesen Menschen besonders schlimm erging? Wahrscheinlich.

Sie kamen aus dem Staunen nicht heraus, wie gut es hier in der Toscana war. Am ersten Tag sammelten sie noch Wasser in irgendwelchen Kübeln, die sie gefunden hatten, und versuchten diese unter den Betten zu verstecken, da sie auf der Insel Molat einen halben Liter Wasser pro Kopf bekamen (um es zu trinken und sich damit zu waschen - und das bei einer Hitze zwischen 33° und 40°C, den durchschnittlichen Temperaturen in dieser Region im Sommer). Doch die hiesigen Wächter, die an ihnen wenig interessiert waren, gaben ihnen zu verstehen, dass es hier genug Wasser gibt. Außerdem plätscherte ein Bach vor dem Haus dahin.

Sie wurden drei Monate lang in Bagni Caldi im Gebiet Bagni di Lucca mit Kastanien, die sie selbst sammeln durften, aufgepeppelt, dann wurden sie erneut aus unerklärlichen Gründen in ein anderes Lager verbracht - in die berüchtigte Fraschette di Alatri, die vom Mussolini-Regime als KZ aufgebaut worden war und in dem vor allem Verwandte - Frauen und Kinder - slowenischer, kroatischer oder griechischer Widerstandskämpfer interniert waren.

Hier gab es nur Kohlsuppe und trockenes Brot zum Essen - die Urgroßmutter teilte ihre Brotration mit Nera und kümmerte sich liebevoll um sie. Nach der Rückkehr wird sie erfahren, dass ihr Sohn und ihr Enkel umgekommen sind, die erschossene Schwiegertochter hatte sie schon begraben, bevor sie selbst verhaftet und nach Molat gebracht worden war.

Diese Frauen hatten sich ihren Männern, Söhnen, manchmal Töchtern oder sogar Enkeln und Enkelinnen angeschlossen, die zu Gegnern der Faschisten geworden waren. Sie waren es, weil sie gegen zwei Dinge waren: gegen die soziale Ungerechtigkeit, weil sie arm waren, was sie sozialistischen Ideen nahe brachte (oder besser dem, was damals schon davon in ihr Dorf vorgedrungen war), und weil sie gegen die italienische Okkupation waren. Weil der Befreiungs- und Widerstandskampf zugleich die Revolution darstellte, denn der Kampf wurde von den Kommunisten angeführt, wurden sie aber in vieler Hinsicht manipuliert. Doch auch wenn die Verwandten diesen Kampf nicht unterstützten, sie wurden trotzdem interniert, verschleppt oder getötet, weil sie in Sippenhaft zur Verantwortung gezogen wurden.

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Diesem Foto, das aus dem Familienalbum meiner Mutter stammt, habe ich den Namen „Kollektive Pietà mit zwei Josefs“ gegeben. Beide Josefs – Iosiff Wissarionowitsch genannt Stalin und Josip Broz genannt Tito –, vereint und umgeben von einer Blumengirlande, sind ein seltener Anblick. Denn nach dem Bruch mit Stalin im Jahre 1948 wurde diese Verbundenheit in Jugoslawien gewaltsam aus der Erinnerung gelöscht und mit Hilfe der sozialistischen Technik der Retusche aus den Bilddokumenten entfernt. Hier hat sie als Krönung einer Versammlung verwitweter und verwaister Frauen und Mütter im kroatischen Fischerdorf Vodice überlebt – demnach ist das Foto zwischen 1945 und 1948 entstanden. In der Mitte des Bildes sitzt meine Urgroßmutter Luiđa – umgeben von ihren Freundinnen, Verwandten und Nachbarinnen, ernsthaften Frauen mit stummen Gesichtern, fest geschlossenen Lippen und misstrauischen Augen unter schwarzen Kopftüchern, Zeichen ihrer Trauer.

Und hier meine Urgroßmutter Luiđa viele Jahre später:

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Il buon pane di Matera

In unserem Bed & Breakfast bekommt man tatsächlich das beste Brot überhaupt, il buon pane di Matera, das hier bei einem Fest mit dem Plakat "Pane e pace", Brot und Frieden, gefeiert wird:

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Dazu gibt es Tomaten:
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Und man kann im Ort auch Käse mit einer Rinde aus Weinmost kaufen:
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Oder auch andere Leckereien aus der Region:
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Christus kam nur bis Eboli

Mit den Worten "Christo si è fermato a Eboli" begrüßt uns unser Gastgeber in Matera. Dieser Romantitel, einst als ein Zeichen für das höchste Elend gewählt, ist heute auch zum touristischen Spruch geworden. Unser Gastgeber ist hier in Matera, in der Gegend der "Sassi", den Berghöhlen, geboren. Sein "Bed & Breakfast" liegt inmitten der Sassi und rühmt sich seines Frühstücks mit dem "guten Brot von Matera", "buon pane di Matera", und frischen Tomaten - und es hält das Versprechen. Matera und die sagenhaften Sassi verschlagen einem den Atem. In den Steinhöhlen hausten früher die Menschen unter miserablen Umständen - und trotzdem bieten sie einen erstaunlich großartigen Anblick, der auch gerne als Filmkulisse genutzt wurde (Pier Paolo Pasolinis "Matthäusevangelium" und Mel Gibsons "Die Passion Christi").

Sassi in der Nacht:

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"Es sind Höhlen, die man in die verhärtete Lehmwand der Schlucht gegraben hat: jede hat vorn eine Fassade; einige sind ganz hübsch, mit ein paar bescheidenen Ornamenten, im Stil des achtzehnten Jahrhunderts. Wegen der Neigung des Hanges beginnen diese fingierten Fassaden unten hart am Berg. [...] Die Türen standen wegen der Hitze offen, und ich sah in das Innere der Höhlen, die Licht und Luft nur durch die Türe empfangen. Einige besitzen nicht einmal eine solche; man steigt von oben durch Falltüren und über Treppchen hinein. In diesen schwarzen Löchern mit Wänden aus Erde sah ich Betten, elenden Hausrat und hingeworfene Lumpen. Auf dem Boden lagen Hunde, Schafe, Ziegen und Schweine. Im allgemeinen verfügt jede Familie nur über eine solche Höhle, und darin schlafen alle zusammen, Männer, Frauen, Kinder und Tiere. So leben zwanzigtausend Menschen. [...] Ich sah Kinder auf der Türschwelle im Schmutz unter der glühenden Sonne sitzen mit halbgeschlossenen Augen unter roten geschwollenen Lidern; die Fliegen setzten sich auf die Augen, aber sie rührten sich gar nicht, sie verjagten sie nicht einmal mit der Hand. Ja, die Fliegen krochen ihnen über die Augen, und sie schienen es nicht zu spüren. [...] Aber der größte Teil hatte dicke, riesige, aufgetriebene Bäuche und von Malaria bleiche, leidende Gesichter."

So beschrieb die Schwester von Carlo Levi, eine Ärztin, was sie in Matera gesehen hat, wo sie in der Quästur für ihren Bruder um eine Versetzung in eine von Malaria freie Gegend bitten wollte.

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In der Stadt der "trulli"

Wir haben Alberobello besucht. Auch hier in der Nähe wurden die Menschen in der Mussolini-Zeit interniert, heute ist die Stadt, die vor allem aus Bauten namens "trulli" besteht, zum UNESCO-Weltkulturerbe geworden. Die ursprünglichen Hirtenhäuser erinnern stark an ähnliche Hirtenhäuser in Istrien und in Dalmatien. Sie sehen aus wie Zwergenhäuser in einer Märchenlandschaft.

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Zeichen, die auf die Dächer der "trulli" gemalt werden:

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Taranto

Wenn wir an Italien denken, dann stellen wir uns Rom, Florenz oder Venedig vor, nicht Taranto. Diese Stadt wirkt verwahrlost, vernachlässigt und arm, obwohl auch hier Beispiele schöner Architektur zu finden sind. Die Arroganz, mit der innerhalb Italiens auf den armen Süden herabgeblickt wird, erinnert auch an die Verachtung, mit der "i slavi" bedacht werden, die Slawen, womit vor allem die Südslawen gemeint sind, meist Slowenen und Kroaten. Diese Verachtung übertragen jedoch die Slowenen und die Kroaten häufig auf ihre Nachbarn, etwa die Bosnier und die Serben. Dabei sind alle zusammen unzertrennbar in die gemeinsame europäische Geschichte verwickelt.

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An der Bushaltestelle in Taranto.

Martina Franca bei Nacht

Wir haben im Café "Tripoli" Birnenkuchen gegessen und gehen durch die Stadt. Pina ist aus Taranto - einem unserer Ziele, denn aus dem Hafen in Taranto sind damals auch Schiffe nach Afrika abgegangen - aber sie findet Martina Franca viel schöner (wir übrigens auch, aber das wissen wir noch nicht).

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Martina Franca am Tag

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Pina zeigt uns alles, sie fährt uns in ihrem kleinen Fiat ins Internet-Café und ist unglaublich freundlich und aufgeschlossen. Sie weiß, dass die Italiener aus dem reichen Norden sie im ärmeren Süden verachten und kaum je bis hierher kommen - und wir schütteln alle gemeinsam traurig den Kopf. Wir finden es hier im Süden wunderbar!

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Martina Franca

Wir sind auf den Spuren der zivilen Opfer des Zweiten Weltkriegs, und obwohl wir wissen, dass viele Kroaten aus Dalmatien nicht nur als politische Gegner - da Verwandte der Partisanen und Kommunisten - in Lager nach Italien gebracht wurden, sondern auch von den Faschisten als ethnische "Gegner" - genauso wie die Slowenen - eingestuft wurden, können wir nicht umhin, festzustellen, dass die Ähnlichkeiten zwischen unseren Ländern vor allem hier im Süden sehr groß sind. In jeder Hinsicht.

Die sehr freundliche Bed & Breakfast-Wirtin Pina erklärt uns, dass im Hinterhof unseres Hauses die Nachbarn morgens "in pigiamino" Kaffee trinken. Das gefällt uns sehr, und dieser Ausdruck geht sofort in unseren Sprachgebrauch ein.

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Hier wird morgens "in pigiamino" gemeinsam Kaffee getrunken.

Auf den Reisen im Süden

Wir steigen in Lecce in den Zug, an einem Bahngleis, dessen Nummerierung an den Bahnhof mit dem Zug nach Hogwarths in "Harry Potter" erinnert. Mit diesem bunten Zug, der sehr langsam voran kommt und manchmal die Fahrt unterbricht, so dass alle Passagiere ein Stück mit dem Bus fahren müssen, um mit dem nächsten bunten Zug die Reise fortsetzen zu können, kommen wir nach Martina Franca.

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Es ist eine arme Gegend, durch die wir fahren.

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Levi, Ginzburg und Tabucchi

Zwei wichtige Wegweiser sind für mich Carlo Levi und Natalia Ginzburg. Die beiden Autoren haben sich sogar gekannt, sie gehörten dem gleichen intellektuellen und antifaschistischen Kreis in Turin an. Beide waren in confino als politische Gegner des Mussolini-Regimes.

Natalia Ginzburg hat ein lustiges und zugleich trauriges Buch über ihre Familie geschrieben "Familienlexikon", eine Autobiographie besonderer Art, die sich vor allem aus internen familiären Redearten zusammensetzt. So etwas schwebt auch mir vor: Meine Mutter fügt genauso wie der Vater von Natalia Ginzburg den Namen verstorbener Verwandter den Zusatz "der arme" oder "die arme" hinzu. Nur dass in unserer Familie zu all diesen Ereignissen, die mich interessieren, leider eine ausgeprägte Wortkargheit herrscht. Ich habe den Eindruck, dass sie von den Ereignissen eher überrannt wurden, als dass sie sie je wirklich gesteuert oder zumindest genau hätten zuordnen können. Daher die große Sprachlosigkeit...

Carlo Levi hat in seinem wunderbaren Roman "Christus kam nur bis Eboli" ein warmherziges Bild der sozialen Umstände in Lukanien entworfen, das in der Nähe von Matera liegt, wohin wir noch reisen werden. Wenn ich wie er die Realität der Fischer und Bauern aus Vodice kennen würde und sie so wie er beschreiben könnte, dann würde auch ich einen solchen Roman schreiben, denke ich manchmal verträumt...

Und Antonio Tabucchi hat in seinem Roman "Piazza d'Italia" ähnliche chaotische familiäre Zustände beschrieben, wie ich sie aus Dalmatien kenne, in denen die Menschen im Strudel der politischen und historischen Ereignisse versuchen, ihr Leben nach besten Möglichkeiten zu leben, wobei viele Dinge natürlich schief gehen. Sein Don Milvio, der versuchte, eine Maschine zur Produktion von Gleichheit und Gerechtigkeit zu konstruieren, ist auch eine wegweisende Gestalt...

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Nera nach der Rückkehr aus Italien

Als sie nach der Befreiung ihres Ortes Vodice aus Santa Cesarea zurückkam, wollte Nera, die bei der Rückkehr gehört hatte, dass ihr Bruder Branko (oben auf dem Bild gemeinsam mit ihr) ebenfalls im Krieg gefallen sei, weiter die Schule besuchen. Doch die Organisation der Jungkommunisten hatte entschieden, dass sie ab sofort als Lehrerin für 100 Kinder im Ort Tribunj eingesetzt werden sollte - darunter viele, die älter waren als das 18-jährige Mädchen selbst. Hier sehen wir sie bei der Sportstunde in der Schule.

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Meine Mutter, die - genauso wie Nera - in ihrem Leben ebenfalls nur einige Schulklassen besucht hat, denn 4 Kriegsjahre waren fast ganz ohne Schule vergangen, war sehr stolz auf ihre Cousine, die jetzt bei ihnen wohnte. Nera war allein auf der Welt, den kleinen Bino hatten kinderlose Verwandte seiner Mutter mit nach Split genommen, was damals weiter entfernt lag als heute Amerika. Und sie wohnte ab jetzt bei meiner Großmutter Oliva, die aus dem Lager zurückgekommen war, jedoch schwer krank und depressiv, so dass sie nur noch im Bett lag. Die Urgroßmutter Luidja kümmerte sich um alle.

Nera ging den ganzen Weg zur Schule barfuß, um ihre Schuhe zu schonen, und erst vor der Schule zog sie sie an, denn sie glaubte, dass eine Lehrerin keine Autorität mehr haben würde, wenn sie ohne Schuhe in die Schule käme, selbst wenn ihre Schüler manchmal in Damenschuhen mit abgetrennten Absätzen erschienen, wie jener Onkel von mir...

Finis terrae: Santa Maria di Leuca

In dieser Gegend bauten die reichen Stadtbewohner aus Bari, Lecce oder Otranto, aber auch aus Neapel oder Rom, prachtvolle Villen, die sich nun in einer eklektizistischen Vision aus dem Neoklassizismus und Orientalismus über das weite, blaue Meer erheben. Das war im 19. Jahrhundert, als die Angst vor den Sarazenen nach dem endgültigen Verfall des Osmanischen Reiches verschwunden war und als in dieser Gegend die Malaria ausgerottet wurde. Hinter den verschlossenen Fensterläden ahnen wir maurisch-bequeme und westeuropäisch-dekadente Liegen, Kristalllüster an den Stuckdecken und kalte, rötliche, rosafarbene und grüne Mosaiksteine auf dem Boden. Es ist seltsam still, die Sonne verwandelt alles in weiß-blau-grüne Streifen, wir haben unsere Sonnenbrillen aus den Taschen geholt, uns ins Café gesetzt und verharren schweigend eine Stunde in dieser bezaubernden Schönheit. „Veniamo dalla Croazia“ erklärten wir dem neugierigen Kellner, der entzückt war, obwohl er nicht den Eindruck hinterließ, ganz genau zu wissen, wo Croazia liegt. Er war von jedem Gast begeistert, und seine Gastfreundschaft verriet uns, dass trotz der Villenpracht um uns, die Menschen hier im Süden Italiens noch mmer hart um ihr tägliches Brot kämpfen und deswegen bereit sind, ihr Brot auch mit dem Unbekannten zu teilen. Er lud uns zum Grillen zu seinen Freunden ein.

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Die Grenzgänger

Lilis Mutter war eine professionelle Köchin in Pula, ihre Spezialität war eine Sauerkrautsuppe namens Jota, als Kroatin sprach sie eine Variante des Italienischen, einen istrianisch-venetianischen Dialekt als Muttersprache, und ihr ebenfalls kroatischer Mann, ein Präzisionsmechaniker, war Sozialist. Auch ein Kollege der Mutter, ein Kellner aus ihrer Zeit in der Arbeiterkantine, war Sozialist, und Mussolini schickte ihn in einen seiner berühmten "Urlaubsorte" (so Berlusconi), auf eine Insel - in confino. Dieser Kellner, ein ebenfalls jenen Dialekt sprechender Kroate, pflegte zu sagen: „L’Austria me ga insegnado a magniar cinque volte al giorno“ (Österreich hat mir beigebracht, fünf Mal am Tag zu essen). Er hielt nicht viel von Jugoslawien und trauerte in italienischer Sprache Österreich nach, wie viele anderen Kroaten übrigens auch. Ich fühle mich diesem Kellner sehr verbunden! Fünf Mal am Tag zu essen, finde ich vernünftig, die sozialistischen Ideen, die er damals hatte sind zwar auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet, aber die Gerechtigkeitsmaschine, von der Tabucchi in "Piazza d'Italia" schrieb, verlangt dennoch nach ihnen, und ich sitze hier in Italien und schreibe auf Deutsch meine kroatischen Erinnerungen nieder, weil hier in Italien das Ende der Welt in Santa Maria di Leuca versteckt ist, und ich mir für diese Erinnerungen kaum ein besseres Land vorstellen kann.

Das Ende der Welt:

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Damenschuhe für ein Waisenkind

Die liebste Erzählung der jüngsten Schwester meiner Mutter aus „jenen Zeiten“ betrifft ihren Mann: Als dieser nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem sein Vater als Partisan von den Italienern getötet und seine Mutter als zivile Geisel zuerst von den Italienern auf der Insel Molat und später von den Deutschen in Dachau interniert wurde, von einer internationalen humanitären Organisation Schuhe bekam, waren es Damenschuhe mit hohen Absätzen. Nun, es war dem siebenjährigen Jungen, der zum ersten Mal in die Schule gehen sollte, sehr peinlich, solche Schuhe zu tragen. „Du musst“, definierte seine Mutter mit drohender Stimme, sie war ohnehin sehr grob und kurz angebunden. Wie sollte man sich der humanitären Organisation gegenüber undankbar zeigen, wo sie doch die Kriegswaisen so großzügig bedachte? Der Junge machte sich am ersten Schultag recht verzweifelt auf den Weg. Solange er auf der staubigen Straße vor sich hin trippelte, war noch alles in Ordnung, obwohl seine Ohren vor Peinlichkeit rot glühten. Aber als er auf dem Asphalt in der Nähe der Schule seine Tock-Tock-Tock-Tock-Schritte hörte, zog er die Schuhe aus und rannte zurück nach Hause. Er schnappte sich eine Axt und schlug die beiden Absätze ab. Aber die Vorderspitzen der Schuhe ragten nun in die Höhe, als wären es zwei sinkende venezianische Gondeln.

Kultur, Zivilisation...

Kultur und Zivilisation sind zwei sehr strapazierte Begriffe.

Ein Schluck Vino Santo erheitert uns nach einem Rundgang, doch ich finde den dalmatinischen Prošek besser, ein slawisches Erzeugnis vom anderen Ufer, ohne kontrollierten Ursprung, so wie er in den Karaffen aus einfachem Glas bei meinen Großeltern auf den Tisch kam. Das ist barbarisch, ich weiß es. Ein Volk ohne Zivilisation, das sollen die Italiener von den Kroaten behauptet haben. Als der Stellvertreter des italienischen Prefekts für die Stadt Split, ein gewisser Herr Bruno, das Konzentrationslager Molat besuchte und von den dort eingesperrten Kroaten gebeten wurde, inmitten der katastrophalen hygienischen Verhältnisse zumindest für Kleinkinder Seife anzuschaffen, antwortete er, dass man an diesem Gesuch erkennen könne, dass die italienische Kultur nun endlich in Dalmatien angekommen sei - Seife gebe es aber leider nicht.

Über die Schönheit

Die Schönheit kann verführen, kann blind machen.

Benito Mussolini soll seinerzeit gesagt haben: „Wenn für Andere das Mittelmeer der Verkehrsweg ist, für uns Italiener bedeutet es das Leben“. In diesem Sinne besetzten seine Truppen Albanien, Istrien und Dalmatien und versuchten es auch mit Griechenland. Warum Mussolini geglaubt hat, dass für Kroaten, Montenegriner, Albaner oder Griechen das Mittelmeer kein Leben bedeutet, ist nicht sofort ersichtlich, es wurde damals aber gerne mit der unbestrittenen Stärke der italienischen kulturellen Tradition erklärt. Die Italiener, so diese Denkrichtung, sind ein Volk der Ästhetik und diese Besonderheit berechtige sie, für die Belange des Mittelmeers – dieses schönen Meeres – zuständig zu sein.

Zwei Ufer, ein Meer

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Dieses Meer haben die Flüchtlinge aus Dalmatien gesehen - dasselbe Meer, das sie zu Hause zurückgelassen hatten.

Santa Cesarea

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Hier, in Santa Cesarea, war meine Tante Nera, hier hat sie in der Abfertigung der Flüchtlingsgruppen, die nach Afrika ins Lager El Shatt verbracht wurden, gearbeitet.

In dieser Gruppe sehen wir sie in Santa Cesarea im Jahr 1944 mit ihrem kleinen Bruder Bino auf dem Schoß (mit dem Jungen, der drei Namen und keine Eltern mehr hatte). Hier in Santa Cesarea hat Nera vom Tod ihres Vaters Benjamin Udovicic erfahren, der auf einer kroatischen Insel ums Leben kam - die britischen Flieger hielten ihn und seine Partisaneneinheit für Deutsche, weil sie Teile der erbeuteten deutschen Uniformen trugen.

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Drei Grazien aus Kroatien

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Als ein Trio unbeabsichtigt symbolisch – Lili ist aus Istrien, Radosna aus Rijeka und ich aus Dalmatien, womit wir alle drei Regionen des heutigen Kroatien, die Italien in verschiedenen Zeiten für sich beansprucht hat, vertreten - haben wir Apulien und Basilicata nach den Spuren der dalmatinischen Flüchtlinge erforscht.

Et in Arcadia ego

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In Matera, in dem Tagungshotel, in dem ein Literaturfestival für schreibende Frauen stattgefunden hat:
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In der barocken Stadt Lecce, in einem literarischen Restaurant.

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Haben Sie Carlo Levi gelesen? Christus kam nur bis Eboli? Ja, alles andere als Arkadien, aber dennoch ist Matera bezaubernd.

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In Otranto.

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In Santa Maria di Leuca, an der Spitze des Stiefelabsatzes, am Ende der Welt (finis terrae).

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Unsichtbare Mächte treiben die Wolken irrsinnig schnell vor sich her, bewegen Wellen, lassen das Meer scharf nach Algen und Salz riechen. Eine hohe Bronzestatue auf einem eleganten Sockel aus Stein drückt mit beiden Händen fest ein Kreuz an ihre Brust.

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Der Sockel ist elegant, weil wir in Italien sind und obwohl sich Otranto voll roher Kraft präsentiert, als wäre es von Slawen erbaut (so die gängige italienische Vorstellung über die Slawen, den auch wir gerne bemühen, doch der slawische Bruder Dubrovnik ist eindeutig vornehmer, und über dieses Wunder zerbrechen wir uns den Kopf), sind derartige Stilbrüche unvermeidlich. Später essen wir im Restaurant „Il cantico dei cantici“ Fischlasagne.

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Als uns die Wirtin den Obstteller als Nachtisch bringt, ist die mächtige Stadt schon wieder ganz zahm. Niemand kann einen Obstteller so arrangieren und servieren wie eine italienische Wirtin, sogar wenn es in einem Ort wie Otranto geschieht.

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Otranto

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Otranto liegt tief im Süden des italienischen Stiefels und wacht über die Meerenge von Otrant. Otranto ist der zweieiige Zwillingsbruder von Dubrovnik. Zwei Ufer, ein Meer: Hier beginnt die Geschichte. Die Geschichte spricht von kristallblauen Farben, mediterranen Pflanzen, Olivenbäumen, die wie Oktopusse in den Himmel ragen, von der Vertreibung, von Ermordung und Krieg, von Flucht und von einem jungen kroatischen Mädchen namens Bianka, das ihre Lungenkrankheit dank der vielen Kastanien in einem Wald in der Toscana überlebte, später einen Partisanen heiratete und heute, im Alter von 82 Jahren Romane von Emile Zola liest. Unter einem Feigenbaum.

Kann man die Liebe verschließen?

Einen solchen Brauch gibt es auch in Slawonien: Brautpaare verschließen am Tag ihrer Hochzeit ein solches Schloss als Zeichen ihrer ewigen Verbundenheit. Diese Schlösser hängen an einer Straßenlaterne in Lecce:

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Italien

Ich liebe Italien. Und doch meine ich, dass die europäische Öffentlichkeit viel mehr auf eine Aufarbeitung der Vergangenheit Italiens bestehen sollte - egal wie betörend die Schönheit dieses Landes auf einen wirken mag, so dass man vielleicht bereit ist, alles zu vergessen und zu verzeihen und alles auf die leichte Schulter zu nehmen, wie es vermeintlich die italienische Lebensart verlangt.

Doch das ist eine Illusion. Die wunderbare Lebensart ist in Italien nur dort wunderbar, wo überhaupt nichts auf die leichte Schulter genommen wird. Oder glaubt irgendjemand, dass die vielen wunderschönen Bauten in diesem Land ohne harte und konzentrierte Arbeit entstanden sind?

Schlicht und elegant, üppig und herrlich, bescheiden oder großartig - Italien strahlt eine unglaubliche Schönheit aus, sogar hier im vom eigenen Norden verachteten Süden...

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In Brindisi

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Auch ich in Arkadien!

Ich bin in Italien.

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Italien!

Über Santa Maria die Leuca wurden meine Tanten nach El Shatt transportiert. Zunächst mussten sie im Hafen in Bari ankommen, die Ältere war 7 und die Kleinere 3. Mit ihnen kam ein Großvater, der die Ältere häufig mit einem Stock schlug, was der Jüngeren in bleibender Erinnerung geblieben ist. Die Tatsache, dass sie arme Flüchtlinge waren, machte die Menschen nicht unbedingt besser, eher schlechter. Auch Nera kam mit dem kleinen Bino nach Bari, bevor sie weiter nach Santa Cesarea ging.

Schon vorher war Nera gemeinsam mit meiner Urgroßmutter in der Toscana, in Bagni Caldi (Bagni di Lucca) gewesen, und ich habe ein Krankenhaus gefunden, das vermutlich ihr Aufenthaltsort war: Ospedale Demidoff.

Dieses Krankenhaus hatte ein großzügiger und aufgeklärter russischer Fürst für die Armen gebaut. Und von diesem Ospedale Demidoff, das ich in detektivischer Arbeit gefunden habe und in dem sie ganze drei Monate bleiben durften, wurden sie wieder in ein schlimmes Lager gebracht: Fraschette di Alatri in der Nähe von Rom. Bagni Caldi liegt in einem dichten Kastanienwald, was die abgemagerten Frauen mit großem Appetit zur Kenntnis nahmen (sie kamen mit einem Transport des Internationalen Roten Kreuzes, der sie aus dem Konzentrationslager auf der Insel Molat gerettet hat, in dem die italienischen Faschisten sie mit Hilfe des Hungers und Durstes, der Sonne und mit Schlägen folterten; viele wurde getötet)

In Bagni Caldi aß meine Tante Nera Kastanienbrote mit Rosmarin.

Und meine Urgroßmutter kaufte in Bagni di Lucca ein Stück Stoff für Nera - von ihrem letzten Geld. Dann nähte sie ihr eine Bluse . Das Problem war, dass der Stoff rot war, mit kleinen schwarzen Blümchen. Und rot konnte Nera hier, in dieser Umgebung, nicht tragen. Ich habe sie gefragt, warum sie ausgerechnet eine rote Bluse bekommen hat. "Wir erwarteten jeden Tag, dass die Partisanen siegen und wir nach Hause fahren können. Und ich wollte diesen Tag in einer roten Bluse begehen."

Wie soll es weitergehen?

Ich schreibe diesen Blog nicht regelmäßig. Es kostet mich immer große Überwindung, dieses einfache und gefällige Medium zu nutzen. Ich sammle meine Notizen in dem schönen Moleskine-Grenzgänger-Notizbuch der Robert Bosch Stiftung und mache meine Fotos. In Italien, in Otranto, habe ich die ersten Romanseiten geschrieben. Ich habe sie später verworfen und immer wieder geändert, aber Otranto hat sich als ein sehr wichtiger Ort für dieses Buch entpuppt. Ich überlege sogar, ob ich das Buch "Grüße aus Otranto" nennen sollte...

Zwei Denkmäler

Im ersten Weltkrieg wurde Serbien von Frankreich gerettet. In Belgrad gibt es ein Denkmal, auf dem steht: "Wir lieben Frankreich, so wie es uns geliebt hat". Und darunter 1914-1918. Da das Wort Frankreich im Serbischen weiblich ist, klingt das auf Serbisch viel besser. Es ist eine Art Mutter-Kind-Liebe, aber auch eine Kameradschaft, die durch ein Liebesvokabular ausgedrückt wird.

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Und auf einem anderen Denkmal steht der berühmte Gruß der Partisanen, der auch in den ersten Tagen des sozialistischen Jugoslawien immer wieder ausgerufen wurde: "Tod dem Faschismus - Freiheit dem Volk!"

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Belgrad

Ich habe einst in Belgrad gelebt. Auch meine Tante Nera hat in Belgrad gelebt. Belgrad war die Hauptstadt des enigmatischen Landes, das vier Mal den Namen wechselte, bevor es endgültig zerfiel. Die Rolle dieser Stadt beim Zerfall ist vielschichtig und nicht einfach zu beschreiben. Die Stadt ist von vielen Spuren gezeichnet und erscheint in der Kälte und im Schnee als leicht melancholisch und ein wenig perspektivlos, als irgendwie einsam, aber auch als groß und souverän. Wir schlagen uns von einer Behörde zur nächsten durch und haben viel Spaß. Meine Cousine hat gerade eine schwere Krankheit überstanden und genießt es, mit mir durch die Stadt zu gehen. Wir treffen uns immer in meinem Hotel und unernehmen von dort aus unsere Streifzüge. Sie wohnt in einer winzigen Wohnung auf der einer Seite der Großstadt, und ihre Schwester mit zwei erwachsenen Söhnen in einer anderen winzigen Wohnung auf der anderen Seite. Die Wohnungen sind ca. 40 m² und 50 m² klein und befinden sich in den Betonsiedlungen, die einst der ganze Stolz des sozialistischen Bauwesens waren. Deswegen laufen wir lieber durch das Zentrum, wo noch etwas von der königlichen und sonstigen Hauptstadtpracht zu spüren ist. Auch diese hst einen Hauch von Elend und Vernachlässigung , man spürt aber noch die besseren Zeiten.

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Lager "Ciglana"

Meine Cousine und ich mühten uns wieder durch den Schnee, fuhren mit unserem Taxi-Fahrer von einem Stadteil in den anderen, aber niemand konnte uns viel über das Lager namens "Milišića ciglana" sagen.

Es sieht so aus, dass sich die Spuren - wie immer in dieser Geschichte, in der es sich um meine Familie handelt - verwischen - oder meine Verwandten verwandeln sich zu Serben (wie Benjamin und Elvira, die auf einer ominösen Internetseite, die den serbischen Opfern im Lager "Jasenovac" gewidemt ist, genannt werden). Auf dieser Internetseite werden ALLE Opfer des Zweiten Weltkriegs in Jugoslawien kurzerhand zu von den kroatischen Ustascha im Lager Jasenovac getöteten Serben erklärt. Als gäbe es nicht genügend serbische Opfer, die namentlich genannt werden können! Eine andere Website, die ebenfalls diesem Lager gewidmet ist, enthält auch diese Liste aller Opfer und suggeriert, dass es sich ausschließlich um serbische Opfer handelt, obwohl es auf dieser Seite zumindest einen Hinweis darauf gibt, dass hier eigentlich alle Opfer aufgelistet sind - dieser Hinweis ist allerdings nicht sehr eindeutig. Ein trauriger Handel mit den Namen der Toten, grotesker als in den "Toten Seelen" von Gogol, einige werden als Italiener geführt (wie Nera und Luiđa im italienischen Lager Fraschette di Alatri), andere bleiben namenlos (wie Branko), aber kaum jemand wird als Kroate geführt, mit Namen und Nachnamen. Auch gibt es keine systematische Forschung darüber, wie ihre Wege und ihre Schicksale verliefen.

Sah so das Ziegelwerk aus?

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Oder so?

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Lager "Staro Sajmište"

In dem einst wunderschönen Messebau aus dem Jahr 1937, der gerne als Zeichen für die Entwicklung der serbischen bürgerlichen Gesellschaft jener Zeit gesehen wird und der zur urbanistischen Keimzelle des heutigen Novi Beograd wurde, befand sich im Zweiten Weltkrieg ein Vernichtungslager - das "Judenlager Semlin". Dieser Bau, in der Tradition des Bauhauses errichtet, die für die Verbindung von Ästhetik Funktionalität steht, wurde also zynischerweise "funktionalisiert" und für unmenschliche Zwecke verwendet. In diesem Lager wurden zwischen 1941 und 1942 7000 jüdische Frauen, Kinder und alte Menschen getötet, danach wurde der "Anhaltelager Semlin" gegründet, in dem Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus Serbien, Bosnien, Kroatien, Griechenland und Albanien untergebracht waren, bevor sie in andere Lager verteilt wurden. Zwischen 1942 und 1944 passierten über 32.000 Gefangene dieses Lager, davon wurden 10.000 entweder hier oder auf dem Transport an andere Orte getötet oder sind an den Folgen von Hunger, Folter und Krankheiten gestorben (diese Angaben habe ich einem Zeitungsartikel, der dem Film "Messegelände - Die Geschichte eines Lagers" gewidmet ist, entnommen. Der Film wurde von B 92 produziert, und eine Lektorin dieses Medienhauses machte mich darauf aufermksam). Da dieses Lager durch Bombenangriffe der Alliierten beschädigt wurde, kam Oliva ins Lager "Ciglana".

Lager "Banjica"

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Meine Cousine und ich machen uns mit einem freundlichen Taxi-Fahrer, der einen dunkelblauen Trainingsanzug mit weißen Streifen trägt und einen ansehnlichen Schnurrbart hat, auf die Suche nach den deutschen Lagern in Belgrad. Wir stapfen durch den Schnee und unterhalten uns über dies und das. Zuerst besuchen wir das Lager "Banjica", in dem sich ein Museum befindet. Obwohl wir uns telefonisch angemeldet haben, da die Öffnungszeiten nicht genau geregelt sind, ist der Kustos irgendwohin verschwunden, und wir erkunden das Museum auf eigene Faust.

In Belgrad

Ich bin nach Belgrad gekommen, um Spuren meiner Großmutter Oliva im Lager "Banjica" zu finden. Es stellt sich jedoch heraus, dass sie in einem anderen Lager war, in einer alten Ziegelfabrik. Meine Cousine und ich bekommen im Archiv des Historischen Museums den Auszug, auf dem ihr Weg vermerkt ist:

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In Zagreb

Draußen erwartet mich Zagreb, merkwürdig still und wie eingeschlafen in der Mittagshitze. Die obere Stadt, „Gornji grad“, hat etwas Unwirkliches, mit all ihren schmalen Gassen, den vornehmen alten Häusern und verwunschenen Gärten... Mich hat es immer nach Rom, nach London, nach Berlin gezogen – aber kamen nicht ausgerechnet aus Italien die ersten Faschisten, die das Leben meiner Familie so grausam verändert und teilweise vernichtet haben, ist mein Großonkel Benjamin nicht durch britische Bomben gestorben, da die sorglosen Piloten ihn und seine Partisanen für Deutsche hielten, waren es nicht die Deutschen, die meine Großmutter ins KZ nach Belgrad gebracht haben und vor denen meine Tanten bis in die ägyptische Wüste fliehen mussten?

El Shatt 3

Die Zeitung „Naš list“ verarbeitete Nachrichten, die Radio London gesendet hatte, es wurden auch andere Zeitschriften, Bilderbücher und Fiebeln in einer eigenen Druckerei gedruckt. Wandzeitungen brachten regelmäßig Nachrichten aus der Heimat, und die traurigsten Momente waren die, wenn jemand unter den Namen der Gefallenen und der Verstorbenen eine ihm nahe stehende Person entdeckt hatte. Die Nachrichten über den Tod von Flüchtlinge trafen wahrscheinlich genauso verzögert ein und riefen in der Heimat die gleiche Trauer hervor, aber meist hörten die voneinander getrennten Menschen wenig von ihren Nächsten, die auf der anderen Seite des Mittelmeers zurück geblieben waren. Auf dem Friedhof in El Shatt ruhen 856 Flüchtlinge, die nie mehr das dalmatinische blaue Meer sehen konnten. Meine Großmutter Oliva war in jener Zeit in einem Lager in Belgrad – sie muss sich oft gefragt haben, wie es wohl ihren beiden Töchtern in Afrika und ihrer ältesten Tochter, die zu Hause geblieben war, erging.

Ich bleibe lange vor den Fotos der Kinder stehen, versuche unter den lächelnden Gesichter der Mädchen mit weißen Schleifen im Haar meine Tanten zu erkennen, natürlich vergeblich, die Kinder sehen alle ähnlich aus. Am Ende kaufe ich den Katalog und verabschiede mich von den freundlichen Museumswächtern, immer noch die einzige Besucherin an diesem Vormittag.

Die Organisation des Alltags in El Shatt

Die dalmatinische Bevölkerung kam damals aus Angst vor den vorstoßenden deutschen Truppen bis nach El Shatt, jene Truppen, die nach der Kapitulation Italiens im September 1943 Dalmatien eingenommen hatten. Es waren vor allem Familienangehörige von Partisanenkämpfern aus Dalmatien und Zivilisten, die unter den Italienern gelitten hatten. Erste Zuflucht fanden sie auf den Inseln, vor allem auf der entferntesten Insel Vis, auf der auch die Führung des Partisanenkampfes residierte. Mit Hilfe der britischen Verbündeten wurden sie dann mit Schiffen nach Bari und dann weiter nach Ägypten verbracht – 39.000 Menschen waren auf der Flucht, bis nach Ägypten kamen ungefähr 28.000. Tagsüber war die Temperatur in der Wüste um 40° C, aber nachts fiel sie auf 5° C, was den Zeltbewohnern schwer zu Schaffen machte. Die Verpfelgung bestand aus Dosenkost, die die Allierten und die UNRRA schickten, aus selbst gebackenem Brot und aus etwas Obst, doch das größte Problem war das Wasser, das von einem Ärmel der Nils herbeigeschafft wurde. Viele Menschen, vor allem viele Kinder, starben.

Die Verwaltung des Flüchtlingslagers bemühte sich sehr, den britischen Oberverwaltern zu beweisen, dass die kommunistische Partei, die die Führung der Befreiungsbewegung in Jugoslawien übernommen hatte, im Stande war, einen Staat zu leiten. Das Flüchtlingslager in El Shatt sollte das im Kleinen demonstrieren, was dann im Großen nach der Befreiung von den Deutschen im Land selbst umgesetzt werden sollte. Es wurden Kindergärten und Schulen eingerichtet, Kurse für die Alphabetisierung der Landbevölkerung (vor allem viele Frauen konnten nicht Lesen und Schreiben), sowie Fremdsprachenkurse. Der bekannte Komponist Josip Hatze leitete einen großen Chor, es wurde Ballett geprobt, es gab Theater- und Sportgruppen, die fleißig übten und trainierten. Interessant ist auch, dass das religiöse Leben bestens organisiert war – die Kommunisten hatten noch nicht begonnen, die Religionen zu verfolgen. Mehrere katholische Priester, ein orthodoxer Priester und ein Rabbi kümmerten sich um die Gläubigen.

Schilder in der Ambualnte:
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Einleitung zum Kochen
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Wandzeitung:
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Pioniere in El Shatt:
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Gottesdienst in El Shatt
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Die Exponate

Über 900 Exponate hat die Autorin der Ausstellung und des Katalogs, Nataša Mataušić, in drei Einheiten zusammengefasst: die Entstehung des Flüchtlingslagers, die Organisation des Lebens im Flüchtlingslager und die Rückkehr in die Heimat. In einem der Räume laufen die britischen Filme The nine hundred und The Star and the Sand aus dem Jahr 1944, sowie der Dokumentarfilm Die Flucht 1943 – 1946 von Aleksandar F. Stasenko aus dem Jahr 1980. Fotos, Wandzeitungen, Schulhefte, Bilder und vor allem Gegenstände, die die fleißigen Hände der Flüchtlinge in vielen Werkstätten gefertigt haben – aus Seilen und Zeltstoff, aus alten Blechdosen oder aus Holzkisten.

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Aus diesen "Materialien" wurde unter anderem auch Spielzeug in den Werkstätten von El Shatt ausgearbeitet:

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Meine Tanten in El Shatt

Ich verabschiede mich von meinem Zagreber Freund, der verspricht mich abzuholen, ich solle ihm nur eine SMS schicken, wenn ich fertig sei. Ich schiebe das schwere Tor auf und gelange in den dunklen, von einem mächtigen Gewölbe überdachten Innenhof (eigentlich eine Art Atrium; Wikipedia: „Es gab in kleineren Häusern auch komplett überdachte Atrien ohne ein Compluvium. Dies wurde als atrium testudinatum bezeichnet“.). Ich weiß nicht viel über Atrien. Schade eigentlich.

Aus dem Lautsprecher zählt eine leise Stimme die Namen der Bewohner der Wüstenstadt El Shatt auf. Ich laufe die Treppe hinauf zur ersten Etage, und die freundlichen Mitarbeiter erklären mir den Weg, den ich gehen soll. Ich bin die einzige Besucherin an diesem Vormittag. Voller Ehrfurcht begebe ich mich in die Welt, über die bei uns zu Hause immer wieder arabische Märchen erzählt wurden – wie die Tanten im Sand gespielt haben und von „vermummten Schwarzen“ geklaut werden sollten, wie sie sich dann aber mutig schreiend und flüchtend gerettet haben, und wie der Großvater, der sonst seinen Stock vor allem zum Verprügeln von Biserka, der älteren Tante, benutzt hat, mit eben diesem Stock in Richtung der „Schwarzen“ herumfuchtelte, so dass diese ungeheuerlichen schwarzen Kinderdiebe einen Grund mehr hatten zu verschwinden. Die Geschichte war schaurig, und ihre Glaubwürdigkeit stand auf tönernen Füßen, aber sie wurde dennoch gerne erzählt.

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Kinder in El Shatt - Fotografiert in der Ausstellung

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Das Museum ist noch geschlossen, deshalb suchen wir ein Café in der Nähe und ich erzähle ihm, warum ich diese Ausstellung unbedingt sehen muss. In der Sinai-Wüste waren damals, zwischen 1944 und 1946, auch meine Tanten und ein Urgroßvater interniert, meine Mutter war in letzter Minute aus dem Boot geflohen, das sie zunächst auf die Insel Murter, dann auf die Insel Vis und dann in den italienischen Hafen Bari hätte bringen sollen. Von dort aus ging die Reise an das vorläufige Ende der Welt: die Ortschaft Santa Maria di Leuca, von wo aus die britischen Schiffe die kroatischen Flüchtlinge in die Wüste brachten. Die Zelte waren in El Shatt und El Khataba in Ägypten aufgebaut. Mehr als 28.000 Zivilisten vom kroatischen Küstenstreifen waren dort interniert – ich frage mich, misstrauisch wie ich bin, ob es sich dabei eventuell auch um einen Schachzug handelte, dieses Mal einen britischen. Die Briten wussten noch nicht, ob sie das Königreich Jugoslawien unter Führung des serbischen Königs Petar II. Karađorđević oder das sozialistische Jugoslawien unter der Führung des kroatischen Kommunisten Tito unterstützen sollten – wobei Tito wahrscheinlich der größere „Jugoslawe“ von beiden war.

El Shatt

Heute fliege ich ganz früh nach Zagreb. Im Flugzeug ist es sehr kalt, die Klimaanlage produziert einen eisigen Nebel im blitzsauberen Innenraum. Der Flug ist kurz, an dem vertrauten kleinen Flughafen von Zagreb wartet ein Freund, der mich zum Historischen Museum in der oberen Altstadt fahren wird. Aus der Ferne erblicken wir die Fassade des Museums mit einer riesigen sandfarbenen Fahne - mit einem roten Stern und mit weißen Buchstaben darunter: El Shatt.

Krafne und Mokka

Auch am nächsten Tag steht schon ab 10 Uhr die gnadenlose Sonne wie eine riesige Goldmünze im wolkenlosen Himmel. Um 9 Uhr bin ich schwimmen gegangen, und jetzt schleppe ich mich langsam an den Häuserwänden der engen Straße entlang, die zur Wohnung meiner Eltern führt. Unterwegs kaufe ich die berühmten Berliner („krafne“ – vielleicht sieht die Sonne einer dieser „krafne“ ähnlich?), die man hier zum Frühstück isst – ich habe keine Ahnung, wie diese Tradition entstanden ist. Meine Mutter wartet schon mit einem duftenden Mokka auf mich, den sie in einem roten Emailletöpfchen gekocht hat. Wir setzen uns auf ihre Loggia, schlürfen dne Mokka und essen die Berliner, gut gelaunt, allerdings schon jetzt über den Tag seufzend, der wieder heiß zu werden verspricht. Doch viel mehr als die Hitze beschäftigt uns der kroatische Alltag - ein gern besprochenes Thema beim Kaffeetrinken.

Meine Mutter schimpft ganz pauschal über alle Politiker, eine Gewohnheit, die in diesen Gegenden so normal ist wie die Gespräche über das Wetter in Großbritannien. Ich versuche, ihr etwas Kritik gegenüber Tito zu entlocken.
- Ja, ja, er ist schon seit langer Zeit tot, aber in Bosnien wird er verehrt, das verstehe ich überhaupt nicht, sage ich und nippe an meinem durchaus bosnisch anmutenden Mokka.
- Kein Wunder, sagt meine Mutter, es ging den Menschen ja besser damals, ihre Politiker heute sind die gleichen Taugenichtse wie bei uns.
- Meinst Du nicht, dass Tito eine viel problematischere Gestalt ist als die Politiker heute, über die du so schimpfst, und die sich so ungeschickt um etwas bemühen, was ihnen wie Demokratie vorkommt?
Sie versteht mich nicht, zündet sich eine Zigarette und sieht mich misstrauisch an.
- Von wegen Demokratie, sagt sie schließlich resolut. Das ist nur eine Ausrede. Deine Urgroßmutter hat an Tito geglaubt, sie hat ihm eigenhändig eine Flasche „Travarica“ geschenkt und ihn als großen Sohn des Volkes gelobt - bei einem Mittagessen in Split. Sie ist dort in ihrer schwarz-weiß-gelben Tracht aus Vodice erschienen, als Mutter eines gefallenen Kriegshelden.
- Mama, wieso verstehst Du nicht, dass das eine Manipulation mit den Müttern der Gefallenen war?
- Ich verstehe alles. Mit den kleinen Leuten wird immer herummanipuliert. Aber deine Urgroßmutter war eine große Frau. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als an die Ziele der Revolution zu glauben. Sonst wären ja alle Opfer umsonst gewesen, damit hätte sie nicht leben können.
Nun verstehe ich sie nicht, und wir essen schweigend unsere Berliner weiter.

Immer noch über die Zeitungen

Eigentlich wollte ich in der Bibliothek nach Zeitungen aus dem Zweiten Weltkrieg und aus der Zeit nach 1945 suchen. Doch das vertage ich auf morgen. Die heutigen Zeitungen würden jeden entmutigen, der sich daraus irgendeine Erkenntnis verspricht. Außer der soziologischen Feststellung, dass es offensichtlich Menschen in Kroatien gibt, die diesen Schrott lesen, ergibt sich daraus nichts Verwendbares. Ober besser gesagt - alles ist verwendbar für einen Roman im Stil von Gerald’s Party von Robert Coover. Ich möchte aber einen Roman schreiben, in dem die Würde der schwer arbeitenden Frauen aus meiner Familie, die im Zweiten Weltkrieg zu Opfern wurden, gewahrt bleibt. Obwohl mir der ziemlich verrückte Coover sehr gut gefällt, ist es mir doch unmöglich ihn nachzuahmen.

Die neue Öffentlichkeit

Es ist heiß, und eine grindige Katze mit glanzlosem Fell versteckt sich unter dem grauen Müllcontainer aus dem es nicht einmal stinkt, so erglüht ist alles. Alle guten Absichten, die ich bezüglich meiner Recherchen in der örtlichen Bibliothek hatte, haben sich in dieser zitternden Glut aufgelöst. Die Bibliothek ist alt, es wird dort keine Klimaanlage geben. Ich bleibe auf der Terrasse sitzen und blättere in der Zeitung.

Die kroatischen Zeitungen bringen durchweg Katastrophen aus dem Familienleben der lokalen Bevölkerung (Mord und Totschlag), Skandale aus dem Leben bekannter Popsängerinnen (sie lassen sich gerne in Pornovideos aufnehmen, oder sie werden von ihren Liebhabern geschlagen, worüber dann beide mit den Journalisten plaudern) und riesige Fotos der jüngsten Verkehrsunfälle. Die Nachrichten aus der Welt werden auf Kuriositäten reduziert (ein Mann in Indien mit 6 Fingern, der von seiner Frau verlassen wurde, oder ein Hund in den USA mit transplantierter Niere, der sich im Tierhospital mit einem kleinen Löwen angefreundet hat. Dem kleinen Löwen wurde eine Zahnfüllung verpasst – er hatte Karies, da er sich von Süßigkeiten ernährt hat), die Innenpolitik ist ein einziger Skandal, die Vermengung der Aktivitäten der Mafia und der „angesehenen“ Geschäftsleute und Politker ist enorm, die anständigen Menschen schweigen. Das Papier der Zeitungen ist schlecht und hinterlässt schwarze Farbe auf den verschwitzten Fingern.

Salz

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Die Tanten und der laute Onkel haben sich für das Treffen mit mir vorbereitet, sie haben sich Notizen gemacht, sie haben Fotos zusammengesammelt, der Onkel eine Reihe eigener Fotos aus der Zeit, als er ein junger Partisan war, die ältere Tante die traurigen Fotos mit ihren Brüdern. Die jüngere hat auch versucht, sich Notizen zu machen, aber sie ist zu unruhig dafür, frag mich nur nach allem, sagt sie, dann erzähle ich es dir schon. Der Onkel sagt, er hätte Gedichte und Erzählungen geschrieben, er würde sie mir alle geben, alles sei in einem schwarzen Koffer verstaut.
Aber sie erzählen chaotisch, ich fülle mein schönes Moleskine-Notizbuch, das ich von der Robert Bosch Stiftung bekommen habe, mit Aufzeichnungen, bringe aber schon beim Schreiben alles durcheinander, ich kann die drei Frauen von Ive Čače nicht auseinander halten und all ihre Kinder. Eine der vielen Episoden betrifft einen armen Arbeiter aus Zagreb. Der hatte mit einer Partisaneneinheit in einem Dorf gewohnt, die Bauern hatten die Partisanen bekocht. Es gab kein Salz, so dass eine alte Bäuerin den Arbeiter fragte, ob er ihr etwas Salz aus Primorje mitbringen könnte. Sie gab ihm Geld, doch er kam zurück – ohne Geld und ohne Salz. Was hat er mit dem Geld getan? Das hat man nie erfahren. Um Strenge und Gerechtigkeit zu demonstrieren, erschossen ihn seine Kameraden vor den Augen der versammelten Bauern…

Der Roman Oliva

Es soll ein Roman werden, der folgende Ebenen beinhaltet:
• oral history, die Erinnerungen meiner älteren und jüngeren Verwandten und Bekannten, die ich in Dalmatien zusammen getragen habe, um die Geschichte meiner Familie mütterlicherseits zu rekonstruieren
• meine Überlegungen über diese Erinnerungen
• meine Reiseeindrücke zu diesen touristisch extrem belasteten Regionen (Dalmatien, Apulien)
• Geschichten, die sich mir nach der Lektüre bestimmter historischer Werke erschlossen haben, wie eben diese Geschichte über das getötete Kind, die ich sowohl in einem ziemlich schrecklich geschriebenen Erinnerungsbuch eines Partisanenkommandanten gelesen wie auch von meiner Tante Nera gehört habe.

Wie verbindet man diese Ebenen in einem Roman? Diese Frage stelle ich mir andauernd und probiere jede Woche ein anderes Szenario aus. Einmal soll es ein Erlebnisbericht werden wie die Beschreibung der Kreuzfahrt durch die Karibik von David Foster Wallace (das betrifft natürlich vor allem die Tourismuskritik), ein anderes Mal möchte ich einen spannenden Aktionsroman rund um die große Liebe zwischen meinen Großeltern schreiben (dieses wäre weitgehend gelogen, aber romatisch), dann wieder soll es die Biographie meiner schönen Tante Nera werden. Auf diesem Foto, das ich im Sommer aufgenommen habe, ist sie besonders schön, finde ich.

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Higgs-Teilchen

Nun soll der Teilchenbeschleuniger im Forschungszentrum CERN helfen, die Higgs-Teilchen zu finden: „Inzwischen wissen wir fast alles über dieses Higgs-Teilchen – nur nicht, ob es existiert“, sagt dazu Professor Rolf-Dieter Heuer. Und so geht es auch mir – inzwischen weiß ich sehr viel über den Zweiten Weltkrieg in Dalmatien, nur nichts darüber, was eigentlich die Zeit ist. Und die Zeit hat alles in Vergangenheit verwandelt. Aber ob die Vergangenheit existiert? Und vor allem: in welcher Form? Hat sie eine Masse, um bei der Sprache der Physik zu bleiben. Oder besteht sie nur aus luftigen Fetzen von Erinnerungen und Worten, die heute nichts mehr bedeuten?

Die Geschichten, die noch zu finden sind

Ich suche, ohne genau zu wissen, was zu finden ist. Bisher habe ich viele Geschichten und vor allem ein vages Gefühl gefunden, das Gefühl, dass alle Ideen von einer Weltordnung blind sind, ob groß und klein, ob hell und düster, ob optimistisch oder zerstörerisch, ob von kleinen Leuten formuliert oder von Philosophen beschrieben. In einer der Geschichten, die ich gefunden habe, hocken verschrockene Zivilisten zwei Tage lang in einem Versteck, während italienische Faschisten nach ihnen suchen. Am zweiten Tag beginnt ein hungriges, zehn Monate altes Baby zu weinen. Alle Versuche der Mutter, das Kind zu beruhigen, helfen nichts, da sie keine Milch in ihren Brüsten hat, weil sie selbst hungrig und verzweifelt ist.
- Bring das Kind zum Schweigen – zischt ihr einer der Partisanen zu, der die Zivilisten beschützen soll.
- Es geht nicht – sagt die verzweifelte Mutter. – Ich gehe hinaus, egal was mit mir geschieht, dann seid ihr anderen wenigstens sicher.
- Nein, das geht nicht! Du bist eine schwache Frau, wenn sie dich erwischen, wirst du womöglich unser Versteck verraten. Du musst das Kind ersticken, das ist die einzige Lösung, so schlimm sie auch ist – entscheidet der Partisan.
- Ich kann das nicht… - flüstert die Mutter.
Und der Partisan greift nach dem Kind in ihrem Arm und erstickt es, indem er lange auf sein Näschen und seinen Mund drückt.

Grenzgänger-Projekt Oliva

Sebastian Wolter vom Verlag Voland & Quist sagte mir neulich, aus meinem Oliva-Blog würde nicht deutlich, dass ich eigentlich an einem Roman arbeite. Nun sage ich es ganz deutlich: Mit Hilfe des Grenzgänger-Stipendiums der Robert Bosch Stiftung bin ich in den letzten Monaten drei Mal nach Dalmatien/Kroatien und ein Mal nach Belgrad/Serbien gereist, demnächst reise ich nach Apulien/Italien. Ich beobachte, höre zu, notiere.

Insel Molat

Dass Blogs von häufigen Einträgen leben, weiß ich. Ich gelobe, mich zu bessern, vor allem, weil mir noch eine Reise bevorsteht: die nach Italien, wo ich nach Spuren von faschistischen (bis 1943) und antifaschistischen (nach 1943) Lagern suchen werde, über die weder in Italien noch in Kroatien gerne gesprochen wird.

Doch gerade neulich waren sie ein Thema in Kroatien, besser gesagt in der Stadt Zadar: Dort rief der Organisationsausschuss für die Feierlichkeiten zum 65. Jahrestags der Befreiung des italiensichen KZs Molat zu einem Vortrag und einer anschließenden Fahrt auf die Insel Molat auf, wo auf dem Friedhof den 1.000 Opfern des Lagers gedacht wurde. Die Medien haben außerhalb der Region kaum darauf reagiert, und die Klagen der wenigen Überlebenden, dass Kroatien das einzige Land sei, das seine Opfer des faschistischen Terrors nicht würdigt, waren zwar etwas pauschal, doch etwas Wahres haftet ihnen doch an. Am 8. 9. 1943 wurde die militärische Kapitulation des faschistischen Königreichs Italien verkündet.

Da bin ich wieder

Ich habe lange Zeit keinen Text ins Netz gestellt. Wahrscheinlich bin ich auch eine Grenzgängerin zwischen den Generationen: Mein Sohn sagt, dass ich zu den Dinos gehöre, was die PC- sowie die übrige Welt betrifft, ich jedoch bin stolz, dass ich einen Scanner und eine Digitalkamera bedienen kann - wenn auch etwas umständlich. Schuld an meinem Onlineschweigen aber ist Maja Pflüger, die mir in Leipzig auf der Buchmesse ein schönes Robert-Bosch-Moleskin-Notizbuch geschenkt hat, das mein Begleiter geworden ist. Ich glaube immer, wenn ich mich ihm anvertraut habe, dann ist das für den Tag genug, und dann schiebe ich immer wieder den Zeitpunkt hinaus, an dem ich meinen Blog aktualisieren werde. Das Notizbuch aber ist voll geworden, und Maja Pflüger treffe ich frühestens auf der Frankfurter Buchmesse wieder. Also zurück zu elektronischen Texten.

Requiem für eine romantische Frau

Auch Die Geschichte von Auguste Bußmann und Clemens Brentano hat Enzensberger als einen dokumentarischen Roman zusammngefügt und mit einer wunderbaren "Nachrede" versehen. Die ganze Nacht habe ich dieses Buch gelesen, dabei wollte ich eigentlich schreiben. Es ist immer das gleiche Problem mit dem Lesen. Es sieht so aus, dass Auguste Bußmann wie ein weiblicher und realer Don Quijote vom vielen Lesen "den gesunden Verstand" verloren hat.

Diese Collagen-Technik könnte ich anwenden, wenn ich mehr schriftliche Dokumente hätte. Ich habe aber vor allem wage mündliche Berichte und sehr unbeholfene Texte, die ich noch genauer untersuchen muss.

Auguste Bußmann wollte das leben, worüber andere geschrieben haben. Es war so viel Sehnsucht in ihr.

Mein Bild der Sehnusucht:
Seget-Vranjica-das-Meer

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